Der ganz normale wahnsinn

Der ganz normale Wahnsinn

Kids und Job unter einen Hut bringen? Easy! Oder doch nicht?

Frauenquote? Ja, bitte!

Wir schreiben das Jahr 2015 und der Frauenanteil in den Geschäftsleitungen von Schweizer Firmen beträgt gerade mal sechs Prozent. Beschämend, findet Sandra C. Die Familienbloggerin spricht sich für eine Frauenquote aus. Nicht, weil es die ideale Lösung ist. Aber weil es offenbar nicht anders möglich ist, dass mehr Frauen in leitende Positionen befördert werden.
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© Getty Images

Zwei Frauen, ein Mann - die Realität sieht leider noch immer anders aus. Gerade mal sechs Prozent beträgt der Frauenanteil in Geschäftsleitungen.

Vergangene Woche erschien der «Schillingreport», eine jährliche Studie zur Entwicklung der Geschäftsleitungen und Verwaltungsratsgremien der grössten Schweizer Arbeitgeber. Was drinsteht? Nicht viel Neues. Sechs Prozent beträgt der Frauenanteil in Geschäftsleitungen. Vor zehn Jahren lag er bei vier Prozent. Diese mehr als schwache Entwicklung zeigt: Es reicht nicht, zu hoffen, dass irgendwann irgendwo jemand (in der Regel ein Mann) die Gnade hat, eine Frau zu befördern. Wenn wir irgendwann wirklich Gleichberechtigung wollen, müssen wir sie offensichtlich erzwingen.

Ebenfalls vergangene Woche gab «Tagesanzeiger»-Chefredaktor Res Strehle dem Branchenportal Persoenlich.com ein Interview. Er klagt über Schwierigkeiten, geeignete Frauen für Führungspositionen zu finden, und schiebt den Frauenmangel auf Führungsebene auf deren mangelnde Erfahrung. Als Reaktion darauf unterzeichneten über hundert Journalistinnen und Journalisten - und ja, ich auch - einen offenen Brief mit der Forderung nach mehr Frauen in den Führungsetagen. Verena Vonarburg, Direktorin des Verbands Schweizer Medien, antwortete darauf wiederum in einem Interview auf Persoenlich.com: «Es gibt hervorragende Journalistinnen, aber zu wenig Chefinnen.»

Ich bin überzeugt, dass das nicht stimmt. Und zwar generell, nicht nur in der Medienbranche. Frauen sind anders als Männer, auch als Chefinnen. Das heisst nicht, dass sie schlechter sind. Wir Frauen haben es meist nicht so mit dem «Ellenböglen» und sehen Bescheidenheit als eine unserer grössten Tugenden an. Oft wird uns das als mangelndes Durchsetzungsvermögen ausgelegt. Nur: Gerade wer Kinder hat, weiss, dass man sich auch mit anderen Mitteln durchsetzen kann als mit der Bulldozer-Taktik. Dass man mit Einfühlungsvermögen und der Fähigkeit zuzuhören oft mehr erreicht als mit lautem Geschrei.

Im Übrigen empfinde ich es als einen Affront, einer Mutter vorzuwerfen, sie habe keine Führungserfahrung. Was mich angeht, denke ich, ich habe in den vergangenen zehn Jahren diesbezüglich zu Hause mehr gelernt als in irgendwelchen Führungs-Seminaren: Organisationstalent, Verhandlungs-Geschick, Delegieren gewisser Aufgaben, Konsequenz, Umgang mit Niederlagen - und ich weiss, dass es hin und wieder nicht ohne Erpressung geht. Was ich nicht gelernt habe - und das sehe ich als die grösste Schwäche von uns Frauen: Lobbyieren. Wir sind zwar gut im Netzwerken, aber wie wichtig Seilschaften sind, die uns weiterbringen können, unterschätzen wir oft. Wir Frauen sind nicht weniger fähig als Männer, wir haben schlicht und einfach keine Lobby.

Das nächste Problem: Die männlichen Chefs, die uns fördern und fordern sollten, erkennen unsere Qualitäten nicht. Das ist kein Vorwurf - sie sind offensichtlich einfach nicht darauf «getrimmt», vorwiegend weibliche Qualitäten wie Empathie, Organisationstalent, Diplomatie oder die Fähigkeit für Multitasking als Führungsqualitäten zu sehen. Deshalb ein Appell an alle Chefs: Macht mal die Augen auf, nicht nur die Ohren. Der beste ist nicht immer der, der am lautesten schreit. Und genau deshalb braucht es eine Frauenquote: Wenn man(n) auf der Chefetage gezwungen wird, das Augenmerk vermehrt auf diese weiblichen Qualitäten zu richten - weil man auf Führungsebene einfach einen Frauenanteil von dreissig Prozent haben MUSS (so zum Beispiel das Ziel des «Tages-Anzeigers» bis 2016) - merkt man vielleicht, dass wir so schlecht nicht sind. Wir müssen nur mal eine Chance bekommen. Und allen, die finden, eine Frauenquote diskriminiere die Männer, sei gesagt: Wir reden hier immer noch von 70 Prozent Männeranteil. Echte Diskriminierung sieht anders aus. Echte Gleichberechtigung übrigens auch.

Bei einer Diskussion zu dem Thema im Freundeskreis merkte ich kürzlich, dass ich auf ziemlich verlorenem Posten stehe mit meiner Befürwortung der Frauenquote. Der Tenor: «Ihr Frauen wollt ja gar nicht Karriere machen - spätestens wenn ihr schwanger werdet, kommen euch die Hormone in die Quere.» Das mag auf etliche Frauen durchaus zutreffen. Genauso, wie es auch auf etliche Männer zutrifft. Die werden zwar nicht schwanger, aber es gibt durchaus einen beachtlichen Anteil, dessen Ziel nicht der Aufstieg in die Chefetage ist. Der Unterschied: Unter uns Frauen gibt es einen ziemlich grossen Anteil, der darum nicht will, weil uns das Wollen verdammt schwer gemacht wird. Bezahlbare Kinderbetreuung - Fehlanzeige. Tagesschulen - Fehlanzeige. Familienfreundliche Strukturen in Politik und Wirtschaft - Fehlanzeige. Dazu kommt noch immer die Lohnungleichheit, die dafür sorgt, dass Väter der Familie finanziell meist mehr zutragen als Mütter. Fakt ist: In unserem Land sind Kinder und Karriere für Frauen nur mit riesigem Aufwand vereinbar, sowohl finanziell als auch organisationstechnisch. «Frauen haben andere Prioritäten», sagt Verena Vonarburg im Persoenlich.com-Interview. Liebe Frau Vonarburg: Um «andere Prioritäten» zu haben, muss man erst einmal Prioritäten setzen können. Ich kenne keine Frau, die das nicht kann - aber ziemlich viele Männer. Und ob die Telefonkonferenz nun vor oder nach dem Windelwechseln kommt, kann ja allen herzlich egal sein. Genauso egal übrigens, ob es eine fähige (!) Frau nun dank einer Quote in die Chefetage geschafft hat oder nicht.

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