Der ganz normale wahnsinn

Der ganz normale Wahnsinn

Kids und Job unter einen Hut bringen? Easy! Oder doch nicht?

«Fremd» betreut

Ganz oben auf der Liste der meist gehassten Wörter von Familienbloggerin Sandra C. steht der Begriff «Fremdbetreuung» - weil er schlicht und einfach falsch ist! Oder kennt jemand Eltern, die ihre Kinder Wildfremden anvertrauen?

Ich weiss zwar nicht, ob ich das noch laut sagen darf, nachdem mir unser Land - oder besser gesagt, unsere Kantone - vergangenen Sonntag mit der Ablehnung des Bundesbeschlusses über die Familienpolitik mal wieder klar gemacht hat, dass wir eigentlich auf zwei unterschiedlichen Planeten leben, die Schweiz und ich. Ich sags trotzdem: Meine Kinder haben das Glück - jawoll, ich sage Glück! -, zwei Tage die Woche nach Schule und Kindergarten im Hort betreut zu werden.

Meine Kinder sind nicht «fremd» betreut. Das waren sie nie, das sind sie nicht und das werden sie niemals sein. Denn, stellt euch vor: Ich kenne die Leute, die sich dort mit ihnen abgeben. Und meine Kinder kennen sie auch. Sehr gut sogar. Und umgekehrt kennen diese Leute meine Kinder. Sie wissen, dass meine Tochter keinen Käse mag und dass mein Sohn am liebsten mit Legos spielt. Sie helfen bei den Hausaufgaben und schlichten Streite. Von «fremd» kann keine Rede sein!

Auch ich finde den Spruch «Qualität vor Quantität» nur bedingt wahr, wenn es um Kinder geht. Wer keinen Bock darauf hat, Kotze zu putzen, siebenundzwanzig Mal pro Tag «Nein» zu sagen, und sich beim Abendessen neun Mal anzuhören, warum Lars das doofste Kind im Kindergarten ist, muss keinen Nachwuchs haben. Aber auch wenns um «Fremdbetreuung» geht, müsste man doch lediglich ein bisschen gesunden Menschenverstand walten lassen - und Prioritäten setzen. Ich glaube kaum, dass irgend jemand Freude hätte, sieben Tage die Woche vierundzwanzig Stunden mit seinen Eltern zu verbringen. Ich nicht (tut mir leid, Mama...), und meine Kinder auch nicht. Obwohl ich also nicht vierundzwanzig Stunden am Tag mit ihnen verbringe, glaube ich, meine Kinder recht gut zu kennen. Ist es wichtig für sie, ob ich jeden Mittag zu Hause mit dem Mittagessen auf sie warte? Nein. (Zumal es bei uns öfters mal Gemüsesuppe oder Linsensalat gibt, im Hort hingegen regelmässig Pasta und Fotzelschnitte. Eins zu null für den Hort.) Ist es wichtig, dass ich ihnen den ganzen Nachmittag auf der Pelle hocke, und frage, was sie jetzt noch mit mir spielen wollen? Nein. (Zumal mich meine Tochter peinlich findet, wenn ich ihre «Monster High»-Puppen nicht voneinander unterscheiden kann, und mein Sohn sich an den Kopf langt, wenn ich seine Superhelden-Spiele nicht begreife. Ihre Freunde im Hort haben da kein Problem. Zwei zu null für den Hort.) Ist es wichtig, dass ich ihnen täglich die Welt und meine Sicht der Dinge erkläre? Nein. (Meine Sicht der Dinge interessiert sie nämlich je länger, je weniger - die ihrer Freunde hingegen je länger, je mehr. Drei zu null für den Hort.)

Ich gebe es zu: Die Tage, an denen meine Kinder im Hort sind, sind eine ungemeine Erleichterung für mich. Dann muss ich nämlich nicht stundenlang herumtelefonieren, um herauszufinden, welches «Gspänli» Zeit zum Abmachen hat. Ich muss zu Hause nicht die Fernbedienung verstecken und den Nachwuchs nach draussen jagen - im Hort gibts keinen TV, und sie rennen bei jedem Wetter auf dem Pausenplatz herum. Und ich muss nicht kochen und keine Vorträge darüber halten, wie gesund Gemüsesuppe ist!

A propos - zurück zum gesunden Menschenverstand: Es ist nicht wichtig für meine Kinder, dass ich jeden Tag für sie koche und ihnen die Welt erkläre. Es ist wichtig, dass ich ihnen zuhöre, wenn sie mir die Welt erklären. Es ist wichtig, dass ich da bin, wenn sie ihr Handballturnier verlieren. Wenn sie Räbeliechtli schnitzen, im Kindergarten ihren Geburtstag feiern und ihre Taekwando-Prüfung ablegen. Um eine gute Mutter zu sein, muss ich nicht immer präsent sein für meine Kinder. Ich muss wissen, wann es wichtig ist, dass ich da bin, und wann nicht. 

Liebe Kantone, die ihr den Verfassungsartikel zur Vereinbarkeit von Familie und Erwerbstätigkeit abgelehnt habt: Ja, ich weiss, ihr habt keine Lust, für «fremd» betreute Kinder aufzukommen, die euch nichts angehen. Ich habe eigentlich auch keine Lust, mein hart verdientes Geld fürs Militär auszugeben. Und stellt e uch mal vor, was meine Kinder dazu sagen würden, wenn ich sie wissen liesse, dass sie dereinst ihre Kohle in Eure AHV stecken müssen... Kinder sind die Zukunft, sagt man immer. Eure offensichtlich nicht. Solange Bund und Kantone zwar gern die Steuergelder arbeitender Mütter einsacken, aber nichts dafür tun, dass sie diese Steuergelder ohne schlechtes Gewissen verdienen können, müsst ihr euch nicht wundern, wenn die Frauen auf dem Planeten Schweiz keine Kinder mehr kriegen mögen.

Ah ja, und lieber Chris von Rohr. Du weisst, ich bin dein Fan. Aber Deine letzte Kolumne in der «Schweizer Illustrierten» hat mich tierisch aufgeregt. Woher willst Du wissen, dass «Fremdbetreuung» schlecht ist? Hast Du in letzter Zeit mal einen Kinderhort von innen gesehen, nicht nur von aussen? Ich schon. Du bist herzlich eingeladen, mich mal zu begleiten. Vielleicht kriegst du mittags ja sogar eine Fotzelschnitte ab.

Weitere Beiträge von Bloggerin Sandra C. finden Sie im Dossier von SI online.