Der ganz normale wahnsinn

Der ganz normale Wahnsinn

Kids und Job unter einen Hut bringen? Easy! Oder doch nicht?

«Gernhaben ist gut, egal wen»

Manchmal stellen die Kinder von Familienbloggerin Sandra C. ziemlich kluge Fragen. Zum Beispiel, warum zwei Menschen, die sich lieben, nicht mit dem Segen des Staates zusammen sein sollen. Und warum das gewissen Leuten so wichtig ist, dass sie dafür auf die Strasse gehen.

Ich stosse immer wieder an meine Grenzen, wenn ich versuche, meinen Kindern die Welt zu erklären. Weil ich sie oft selbst nicht verstehe. «Was bedeutet Krieg?» fragt meine Tochter kürzlich, als sie von hinten in meine Zeitung schielt. «Es bedeutet, dass sich zwei Gruppen von Leuten heftig streiten, und dabei meist auch mit Waffen aufeinander losgehen.» «Sie töten einander?» «Ja.» «Aber dann müssen sie alle ins Gefängnis.» Ja, müssten sie eigentlich. Darüber, dass das nur selten der Fall ist, und im Krieg oft andere Regeln gelten, kann meine Achtjährige nur den Kopf schütteln. 

Ich blättere um. «Was machen die Leute da?» «Sie protestieren.» «Was ist das?» «Sie gehen auf die Strasse um zu zeigen, dass ihnen etwas Bestimmtes nicht passt.» «Und was passt denen hier nicht?» «Sie wollen nicht, dass Männer andere Männer heiraten dürfen und Frauen andere Frauen.» «Warum nicht?» Ich habe keine Ahnung. Ich frage mich wirklich oft, woher diese Leute ihre Moralvorstellungen haben. In die Wiege gelegt werden sie uns nämlich nicht. Kinder werden nicht homophob geboren. Im Gegenteil: Ganz kleine Kinder wissen nicht mal, dass es einen Unterschied gibt zwischen den Geschlechtern. Ich erinnere mich, dass mal jemand meine Tochter fragte, ob sie ein Junge oder ein Mädchen sei, da war sie etwa eineinhalb. Ihre Antwort: «Ich bin ein Schlitzohr!» Mein Sohn ist jetzt sechs, und die Vorstellung, sein Leben an der Seite eines weiblichen Wesens zu verbringen, das nicht seine Mutter ist, erfüllt ihn, gelinde gesagt, nicht gerade mit Vorfreude. Wen er neben seiner Familie am allerliebsten mag auf der Welt? Seinen besten Freund. Dass ein Bub einen anderen Buben gern hat, ist in diesem Alter das Natürlichste auf der Welt (auch wenn das noch nichts mit der sexuellen Orientierung zu tun hat). Warum geht es einigen von uns dann später dermassen gegen den Strich, dass wir sogar auf der Strasse dagegen protestieren - obwohl es unseren Alltag überhaupt nicht tangiert?

Klar, es hat sich einiges getan in letzter Zeit. In der Schweiz können gleichgeschlechtliche Paare ihre Partnerschaft registrieren lassen und haben damit - fast - die gleichen Rechte und Pflichten wie heterosexuelle Ehepaare. Trotzdem sind wir im Denken noch weit von einer Gleichberechtigung entfernt. «Schwul» gilt bereits in der Primarschule als Schimpfwort. Und die Vorstellungen der Kinder darüber, was und wie solche Menschen sind, bilden sich manchmal auf schwer nachvollziehbare Weise. Meine Tochter erzählte einmal von einem Mädchen aus ihrer Klasse: «Sie trägt nie Röcke und sie spielt immer mit Bubensachen. Aber ich glaube trotzdem nicht, dass sie schwul ist.» Ich fragte sie, woher sie das Wort habe und was es bedeute. Sie meinte, von einem Jungen in ihrer Klasse, und es heisse, dass Buben Buben lieben. Für Mädchen gäbe es ein anderes Wort, aber das habe sie vergessen. «Es heisst lesbisch. Ist schwul ein schlimmes Wort für euch?» «Ja.» «Warum? Ist es denn schlimm, wenn sich zwei Buben gern haben?» «Nein.» Eben. Eigentlich wäre die Welt nämlich gar nicht so kompliziert. Hört doch mal auf eure Kinder, sie können sie euch ganz einfach erklären. Um es mit den Worten meines Sohnes zu sagen: «Töten ist blöd. Immer. Gernhaben ist gut. Egal wen. Hauptsache man hat jemanden.»

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