Der ganz normale wahnsinn

Der ganz normale Wahnsinn

Kids und Job unter einen Hut bringen? Easy! Oder doch nicht?

Lieber Herr Wagner...

Vergangene Woche sorgte der Kolumnist der «Bild»-Zeitung mit Aussagen wie «Was ist aus unseren Müttern geworden?» oder «Frauen sind wie Männer» für einen Shitstorm in den sozialen Medien. Zu Recht, findet Familienbloggerin Sandra C. Dabei kann man Leute wie Franz Josef Wagner nur mit ihren eigenen Waffen schlagen. Beziehungsweise mit ihren eigenen Worten.
Franz Josef Jagner über arbeitende Mütter
© iStockphoto/Screenshot «Bild»

Familienbloggerin Sandra C. sagt: «Wir sind nicht wie Männer. Wir versuchen einfach, wir selbst zu sein.»

...wir alle wollen mehr Babys. Leider wurden nur 682'063 im letzten Jahr geboren. Die Geburtenrate kann die Sterberate nicht ausgleichen. 893'000 Tote. Wir haben mehr Tote als Babys. Jedes Jahr werden wir um 200'000 Menschen ärmer.

Wer ist schuld? Schuld ist der Zeitgeist. Väter machen Karriere, Väter haben Anzüge an, Väter geben ihre Kinder in Kitas ab, Väter verdienen mehr als ihre Frauen, Väter gehen in Teilzeit. Was ist aus unseren Vätern geworden? Sie sind Business-Männer, Power­-Männer, sie trinken Smoothies, sie laufen sich im Fitnesscenter ihr Fett ab, sie sind Chefredakteure, sie sitzen im Aufsichtsrat. Sie sind wie Frauen. Sie sind keine Väter mehr. Sie sind nicht in der Nacht dabei, wo ihr Kind Angst hat vor Donner und Blitz. Sie singen ihr Kind nicht in den Schlaf. Politik hat keine Ahnung von Gefühlen. Und Sie haben keine Ahnung von Gleichberechtigung.

Merken Sie jetzt, was Sie da für einen Blödsinn geschrieben haben? Gleichberechtigung. Gleiche Rechte, gleiche Pflichten. Gleiche Regeln. Nennen Sie mir einen Grund ­ einen einzigen ­ warum für Frauen und Männer, für Mütter und Väter, nicht die gleichen Regeln gelten sollten. (Und nein, dass Frauen die Kinder austragen, gilt nicht. Sobald ein Baby den mütterlichen Bauch verlassen hat, kann sich ein Vater nämlich genauso um seinen Nachwuchs kümmern wie eine Mutter.) Nennen Sie mir einen guten Grund, warum Mütter keine Karriere machen, Hosenanzüge tragen und die Kinder in die Kita bringen sollen. Nennen Sie mir einen Grund, warum Frauen nicht mehr verdienen sollen als ihre Männer, und warum sie nicht arbeiten sollen ­ ob Teilzeit oder nicht. Was ist falsch daran, Business­-Frau zu sein oder Power-­Frau, Smoothies zu trinken, sich im Fitnesscenter das Fett abzulaufen, Chefredakteurin zu sein und im Aufsichtsrat zu sitzen?

Nein, Herr Wagner, wir sind nicht wie Männer. Wir versuchen einfach, wir selbst zu sein. Wir sind immer noch Mütter. Vielleicht sogar die besseren, als wir vor zwanzig Jahren gewesen wären. Und der Zeitgeist, der Schuldige, gibt den Männern die Gelegenheit, auch die besseren Väter zu sein.

Verantwortlich für den Abdruck von Franz Josef Wagners Kolumne zeichnet sich übrigens eine Frau: die stellvertretende Chefredakteurin Ulrike Zeitlinger (sie äusserte sich in der Folge ebenfalls in einem Brief). Ich habe mir überlegt, ob ich an ihrer Stelle auch so gehandelt hätte, wäre dieser Text auf meinem Schreibtisch gelandet.

Ja, das hätte ich. Auch wenn es mich vermutlich einiges an Überwindung gekostet hätte, in «meinem» Blatt solche idiotischen Aussagen zu verbreiten. Aber einerseits herrscht bei uns ja die viel zitierte Meinungsfreiheit. Und andererseits zeigt diese Kolumne eben das, worauf ich auch in diesem Blog immer wieder hinweise: Solange in den Köpfen der Leute im Allgemeinen ­ und in denen von sogenannten Meinungsmachern im Speziellen ­ noch solche Vorurteile herrschen, sind wir noch ganz weit von Gleichberechtigung entfernt. Wir müssen weiterkämpfen.

Notfalls auch im Hosenanzug und mit Smoothie in der Hand.

Im Dossier: Alle «Der ganz normale Wahnsinn»-Beiträge von Familienbloggerin Sandra C.