Der ganz normale wahnsinn

Der ganz normale Wahnsinn

Kids und Job unter einen Hut bringen? Easy! Oder doch nicht?

Selig sind, die da Leid tragen

Etwas vom Schlimmeren, was einer Mutter passieren kann, ist, wenn ihr Kind krank wird. Für berufstätige Mütter bedeutet es ein Kraftakt an Organisation. Und natürlich ist es furchtbar, das Kind leiden zu sehen. Wenn man die halbe Nacht ein wimmerndes, fiebriges Häufchen Elend im Arm hat, wünscht man sich, man könnte ihm sein ganzes Leid abnehmen. Nur: selbst krank zu sein ist als Mutter eben auch nicht mehr das, was es war, als man noch keine Kinder hatte. Ein aktueller Erfahrungsbericht von Familienbloggerin Sandra C. 
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Nichts geht mehr bei Familienbloggerin Sandra C. - eine Grippe hat sie flachgelegt. 

Ich gebe zu, ich habs schon Tage zuvor gespürt, dieses verräterische Kratzen im Hals. Und ignoriert. Ich bin selten krank, und dachte, ich komm auch diesmal mit Ingwer­tee und ein paar Vitaminen drumherum. Nun, diesmal habe ich falsch gedacht. Gut, vielleicht war die extra harte Trainings-Session im Fitnessstudio nicht gerade das, was man unbedingt tun sollte, wenns kratzt im Hals. Genausowenig der Besuch eines Anlasses im luftigen Kleidchen und der eines Konzertes am Abend danach. Eine gewisse Mitschuld kann ich mir selbst also nicht absprechen.

Als am Sonntagmorgen der Wecker klingelt, könnte ich schwören, das Ding explodiert gleich mitten in meinem Kopf, wo das schrille Geläute herzukommen scheint. Ich kann kaum atmen, meine Nase ist verstopft, meine Ohren ebenso und mein ganzer Kopf scheint in eine dicke Schicht Watte gepackt zu sein. Zum Glück ist Sonntag, nach weiteren zwei Stunden Schlaf siehts bestimmt schon besser aus. Warum um alles in der Welt hab ich am Sonntag eigentlich den Wecker gestellt? Oh nein! Es ist eben nicht irgend ein Sonntag, sondern Palmsonntag. Und mein Sohn hat als Erstkommunikant den entsprechenden Gottesdienst mitgestaltet. Anwesenheit der Eltern mehr oder weniger Pflicht.

Nicht nur das: In einer Anwandlung von Gutmenschentum hab ich mich bereit erklärt, während dieses Gottesdienstes eine der Fürbitten vorzutragen. Gut, es war vielleicht mehr die Hoffnung (um nicht sagen zu müssen: Berechnung), mit wenig Aufwand ein paar Karmapunkte zu sammeln. Oder mich als interessierte, engagierte Mutter zu beweisen. Nun, dieser Schuss geht diesmal kräftig hintenraus. Eine gute Stunde später sitze ich also in dieser Kirchenbank und schlottere und schwitze abwechselnd vor mich hin, und versuche, so dezent wie möglich in mein Taschentuch zu schneuzen. Ich ziehe meine Jacke so lange aus und wieder an, bis sich die betagte Dame neben mir einen neuen Platz sucht. Ich habe mich eh schon gewundert, dass sie sich bei meinem penetranten «Vicks-­Vapo-­Rub»-­Duft so nah an mich rangetraut hat. Das Krächzen der Fürbitte kriege ich mit Ach und Krach hin. Nach einer Stunde in der Kirche fühle ich mich, als hätte ich den ganzen Vormittag auf dem Bau geschuftet (nicht dass ich tatsächlich aus Erfahrung wüsste, wie sich das anfühlt...)

Am Abend geh ich so früh wie möglich ins Bett und versuche, mit Gott zu dealen. «Lieber Gott, bitte mach, dass ich morgen gesund aufwache. Ich meine, komm schon, ich war eine ganze Stunde in der Kirche heute. Obwohl ich krank bin. Und ich hab dir vorgelesen. Da kannst du ja jetzt auch was für mich machen oder?»

Was soll ich sagen? Gott lässt offenbar nicht mit sich dealen. Als am Montagmorgen der Wecker klingelt, könnte man auf meiner Stirn ein Steak braten, schön medium. Aufstehen muss ich trotzdem. Die Kinder müssen zur Schule. Würde ich sie morgens nicht aus dem Haus scheuchen, würde das eine Kind nämlich einfach weiterschlafen. Das andere würde zwar mit Freude aufstehen, und dann mit genauso grosser Freude den ganzen Vormittag «Minecraft», Lego und mit seinen Kaninchen spielen. «Maaaaaami, ich hab keine sauberen Socken mehr», klingt es lieblich (not!) aus dem Bad. Neineineineineinein! Das bedeutet, dass ich waschen muss. Ich schmeisse meiner Tochter mein letztes Paar saubere Socken hin und schleppe mich schwer schnaufend mit dem vollen Wäschekorb die Kellertreppe runter. Als ich nach getaner Arbeit wieder oben bin, fühle ich mich, als hätte mich ein Gabelstapler überfahren (nicht dass ich tatsächlich aus Erfahrung undsoweiter...)

Ich habe zum Glück keine Termine heute, also geh ich wieder ins Bett, sobald die Kinder zur Tür raus sind. Als vor dem Mittag wieder der Wecker klingelt, kann ich mich immer noch kaum bewegen, alles tut weh. Warum hab ich dieses Ding schon wieder gestellt? Ja klar ­- gelobt seist du, Heimatland, das nichts von Ganztagesschulen hält. In Kürze kommen die Kinder zum Mittagessen nach Hause. Ich quäle mich also aus dem Bett, schlurfe in die Küche und starre in die gähnende Leere des Kühlschranks. Neineineineineinein! Das bedeutet, dass ich noch einkaufen muss, um die Kinder die nächsten Tage füttern zu können. Aber erstmal schmeisse ich ein paar Pasta ins Wasser, mache einen behelfsmässigen Sugo, und versuche, beim Rühren nicht reinzurotzen. 

Als die Kinder nach dem Mittagessen wieder in der Schule sind, zwinge ich meine schmerzenden Glieder aus dem Haus. Es hilft ja nichts, ich muss einkaufen. Mein zermatschtes Hirn merkt erst im Auto, dass ich noch Pyjamahosen trage. Ich zieh mir also kurz eine andere Hose an, alles andere ist eh egal, wenn die Nase permanent läuft und die Augenringe kratertief sind. Als ich mich beim Grossverteiler meines Vertrauens durch die Gänge schleppe und mühsam versuche, ein Sechserpack Milch in meinen Einkaufswagen zu hieven, packt mich der blanke Neid auf alle Kinderlosen. Hätte ich nämlich keine Familie zu versorgen, läge ich jetzt zu Hause im warmen Bett und vielleicht hätte sogar jemand Mitleid mit mir.

Aber eben: Ich habe Kinder, und deren Alltag muss weitergehen, egal, wie krank ich bin. Aber wie heisst es so schön in der Bibel? «Selig sind, die da Leid tragen, denn sie sollen getröstet werden.» Wenn ich denn wieder ins Büro komme, liebe Arbeitskolleginnen und ­-kollegen, erwarte ich eure volle Aufmerksamkeit, wenn ich von meinem Leid erzähle, euer ehrlichstes Mitleid und zum Trost von allen einen Schoggihasen zu Ostern!

Im Dossier: Alle «Der ganz normale Wahnsinn»-Beiträge von Sandra C.