Der ganz normale wahnsinn

Der ganz normale Wahnsinn

Kids und Job unter einen Hut bringen? Easy! Oder doch nicht?

Über Leben und Tod

Der heutige Blogtag trifft den Todestag ihres Vaters. Das nimmt Sandra C. zum Anlass, sich ein paar Gedanken zu machen. Dass die Kinder der Familienbloggerin ihren Grossvater nie richtig kennenlernen durften, ist traurig. Sie sind trotzdem mit ihm aufgewachsen, irgendwie. Und gerade weil sie schon so jung mit dem Tod konfrontiert wurden, gehört er für sie ganz selbstverständlich zum Leben.
Familienblog Sandra C. Todestag Vater und Enkelkinder
© Keystone

Der Sohn von Sandra C. liebt den Schnee, genau wie sein Grossvater.

Beim Durchblättern meiner Agenda fiel es mir auf. Zum ersten Mal spürte ich keinen Stich mehr im Herzen, als ich das heutige Datum sah. Der 21. April. Heute ist der neunte Todestag meines Vaters.

Der 21. April 2007 gehört zu den drei Tagen in meinem Leben, an die ich mich noch heute bis ins kleinste Detail erinnern kann. (Die anderen beiden sind diejenigen, als meine Kinder zur Welt kamen). Es war ein wunderschöner, warmer, sonniger Frühlingstag. Elf Tage zuvor hatte man meinen Papa mit der Rega von der Skipiste geholt und ins künstliche Koma versetzt. Er wachte nicht wieder auf. An die Zeit, die folgte, habe ich teilweise nur sehr verschwommene Erinnerungen. Irgendwie sind sich Geburt und Tod da sehr ähnlich: Man lebt wie in einem Kokon, nimmt Dinge von aussen oft nur sehr selektiv wahr und empfindet das meiste als total unwichtig. Das hat zur Folge, dass ich mich heute an vieles, was in dieser Zeit passiert ist, nicht mehr bewusst erinnern kann. So muss mein Sohn dann krabbeln und stehen gelernt haben, sein erstes Wort gesprochen, den ersten Zahn bekommen, und ich muss ihn abgestillt haben. Während ich zu all diesen Dingen unzählige Bilder im Kopf habe, was meine Tochter betrifft, gibt es keine zu meinem Sohn, so sehr ich mich auch anstrenge, mich zu erinnern. Und ehrlich gesagt nehme ich das meinem Vater ein bisschen übel.

Und wenn wir schon dabei sind: Nach der ersten Trauer kam die Wut. Auf ihn, weil er einfach gegangen war. Aufs Schicksal, das ihn so abrupt mitten aus dem Leben gerissen hatte, mit grade mal sechzig Jahren. Nichts hat mir deutlicher gezeigt, wie unberechenbar das Leben ist als die Geburt meiner Kinder und der Tod meines Vaters. Er hatte sich unsäglich darüber gefreut, Neni zu werden. Ich fand den Gedanken toll, dass meine Kinder einen jungen Grossvater haben, der noch mit ihnen über den Spielplatz toben kann. Und ich zählte darauf, dass er ihnen Skifahren beibringt, schliesslich waren Berge und Schnee seine Heimat, seine Leidenschaft, seine grosse Liebe. Es hat nicht sollen sein.

Seine Enkelin war knapp zweieinhalb, als er starb, sein Enkel gerade mal sieben Monate. Meine Trauer und meine Wut über seinen Tod sind mittlerweile einer liebevollen Erinnerung gewichen. Ein Gefühl aber wird wohl für immer bleiben: Es tut mir unendlich leid, dass meine Kinder ihren Grossvater nicht richtig kennenlernen durften. Aber es ist uns gelungen, ihn in unserem Leben zu behalten, und darauf bin ich ein bisschen stolz. Für die Kinder wohnt ihr Neni im Himmel - wo immer der auch sein mag - und gehört ganz selbstverständlich dazu. Je älter sie werden, desto mehr wollen sie über meine Kindheit und Jugend wissen, und auch über ihren Grossvater, an den sie sich zwar nicht erinnern können, der aber trotzdem immer irgendwie da war. Dank ihm gehörte für sie der Tod von klein auf zum Leben. Er ist nichts Abstraktes, Bedrohliches, über das nie jemand spricht, so wie das in meiner Kindheit der Fall war. (Wozu man sagen muss, dass Letzteres schlicht nicht nötig war, denn ich verlor die erste mir sehr nahestehende Person erst im Teenager-Alter). Das ist gut.

Es gibt nur ein paar wenige Fotos von meinem Sohn mit seinem Neni. Die meisten davon sind von Weihnachten 2006. Für ihn die ersten Weihnachten. Für meinen Vater die letzten. Vielleicht rede ich mir das nur ein, weil ich gern möchte, dass es so ist, aber ich habe das Gefühl, mein Junior wird seinem Grossvater immer ähnlicher. Er hat seine Nase, seine Ohren und sein Temperament (leider Gottes…). Und er fährt Ski, als ob sie ihm an den Füssen angewachsen wären. «Hier?», fragte er, als wir vor einigen Wochen das letzte Mal in dieser Saison Skifahren waren, und an den Ort kamen, wo es passiert war. «Ja», sagte ich. Wir liessen beide unsere Blicke über die verschneiten Berge und knallblauen Himmel streifen. «Es war genauso ein Tag. Und genau das hier war das letzte, was er gesehen hat.» «Schön», sagte mein Sohn. Stimmt.

Im Dossier: Alle Familienblogs von Sandra C.