Der ganz normale wahnsinn

Der ganz normale Wahnsinn

Kids und Job unter einen Hut bringen? Easy! Oder doch nicht?

Die Sache mit den Hausaufgaben

Die Schule von heute ist eine leicht schizophrene Angelegenheit, findet Sandra C.: Auf der einen Seite sollen die Kinder so viele Freiheiten wie nur irgendwie möglich haben, auf der anderen Seite ist die Menge an Stoff, welche sie zu bewältigen haben, enorm. Genauso wie der Leistungsdruck - und der macht auch vor den Eltern nicht halt, weiss die Familienbloggerin.
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Hausaufgaben sind nicht mehr dieselben wie früher.

Als ich in der fünften Klasse war, war die Welt relativ einfach, rein schulisch gesehen: Unsere Fächer hiessen Rechnen, Deutsch, Naturkunde, Geografie, wir schrieben Aufsätze und Diktate, ab und zu gabs Prüfungen, auf die musste man lernen. Es gab Frontalunterricht, ­ das heisst, der Lehrer lehrte, wir hörten zu und schrieben auf ­ und bekamen Hausaufgaben. Die hatte man von einem Tag auf den nächsten auf, man machte sie, die Eltern warfen vielleicht mal einen Blick drauf, und gut war. Sicher übten meine Eltern mit mir mal auf ein Diktat oder eine Rechen­-Prüfung hin, sonst hatten sie wenig zu tun mit meinen Hausaufgaben. Und auch wenn sich mein offensichtliches Anti­-Talent für alles, was mit Zahlen zu tun hat, schon relativ früh bemerkbar machte, reichte es in der Primarschule immer irgendwie für eine akzeptable Note. Richtig büffeln musste ich erst, als ich aufs Gymnasium kam.

Jetzt, 28 Jahre später, ist meine Tochter in der fünften Klasse. Ihre Fächer heissen Mathe, Deutsch, Englisch, Französisch, Mensch & Unwelt, Religion & Kultur. Sie schreibt noch Aufsätze, Diktate gibts kaum mehr. Auf Grammatik und Rechtschreibung wurde in der Unterstufe nur am Rande Wert gelegt, sowohl in Deutsch als auch in den Fremdsprachen. Was dazu führt, dass Primarschüler heutzutage zwar in recht gutem Englisch parlieren («Today, I have eight different subjects on my timetable»), aber keine Ahnung haben, ob man «Geschenk» oder «Geschenck» schreibt, und die Unterscheidung von «das» und «dass» öfter mal reine Glückssache ist. Versteht mich nicht falsch: Ich bin eine Verfechterin davon, den Kindern in der Primarschule Fremdsprachen beizubringen, denn sie lernen sie niemals einfacher als dann ­ und im Gegensatz zu manch anderem werden sie ein Leben lang davon profitieren können. Trotzdem verstehe ich kritische Stimmen, denn Englisch und Französisch sind extrem lernintensive Fächer, und die Zeit und Energie, die man da investiert, fehlt anderswo. (Die Frage ist: Wird es in zehn Jahren noch eine Rolle spielen, ob man «Geschenk» oder «Geschenck» schreibt? ­ Hauptsache man weiss, was gemeint ist? Neuste Trendforschungen behaupten: Nein, wird es nicht mehr...) Es gibt Prüfungen, und auf diese hin müssen auch heutige Fünftklässler lernen. Der Unterschied: Allein kriegen sie das kaum hin. Nicht nur, dass sie sich selbst schwerlich Englisch­ und Franz-Vokabeln abfragen können. Ich habe beispielsweise auch schon Prüfungen gesehen, bei denen lediglich Lernziele formuliert waren, ­ Übungsmaterial musste man sich selbst beschaffen.

Frontalunterricht ist mittlerweile nur noch eine Unterrichtsform unter vielen. Hausaufgaben gibt es nicht mehr von einem Tag auf den nächsten, sondern in Form von Mathe-­ und Deutsch­-Plänen, welche individuell erledigt werden (und auf verschiedenen Niveaus, welche mit Sternen bezeichnet werden: ***­Mathe macht mehr als **­Mathe, je nach Begabung). Die Arbeit an diesen Plänen wird täglich erwartet. Ebenso das Büffeln von Vokabeln.

Die Hausaufgaben meiner Tochter sind tägliche Verhandlungssache: 10 Minuten Voci heute, 20 Minuten morgen, eine Seite Deutsch, eine Seite Mathe, im Schnitt macht sie jeden Tag 50 Minuten Hausaufgaben. Und ich nicht selten mit ihr. Ist der Mittwochnachmittag von einer Geburtstagsparty besetzt, muss am Dienstag das Doppelte gemacht werden. Klar könnte ich das alles einfach meiner Tochter überlassen und am Wochenende schnell die Vocis abfragen und schauen, ob die Pläne erledigt sind. Ich bin mir aber ziemlich sicher, dass dann das gesamte Wochenende für Hausaufgaben draufginge.

Denn so edel die Absichten der Schule mit diesem System auch sind -­ man möchte im Hinblick aufs spätere Berufsleben die Selbstständigkeit der Schüler fördern - Kinder im Primarschulalter denken einfach noch nicht so, wie man sich das offenbar vorstellt. Das heisst, der Gedanke «wenn ich jeden Tag zehn Minuten Franz lerne, kann ich das bis am Freitag, dann muss ich am Wochenende nichts mehr machen» ist unter Elfjährigen nicht wirklich verbreitet. Viel realistischer ist: «Ach, Franz, hab ich erst am Montag wieder, kann ich bis Sonntagabend vergessen.» So wird die Freiheit der Kinder, selbst entscheiden zu können, wann sie was machen wollen, nicht selten zum Druck für die Eltern, die Hausaufgaben und die schulischen Leistungen ihrer Kinder wenigstens einigermassen unter Kontrolle zu haben.

A propos Leistungsdruck: Ich erwarte von meinen Kindern nicht überall Bestnoten. Ich finde auch, es verträgt mal einen Abschiffer, und mir ist durchaus bewusst, dass mein Sohn vermutlich nie Bestseller­-Autor und meine Tochter nicht Mathematik-­Professsorin wird. Und auch wenn das heutige Schulsystem von mir als Mutter einiges abverlangt, finde ich, es hat einen bedeutenden Vorteil: Die Kinder lernen, zu lernen. Auch wenn das momentan nicht ganz freiwillig geht, wird es ihnen später ziemlich sicher von Nutzen sein. Wer je mein erstes Zeugnis nach meinem Übertritt aufs Gymnasium gesehen hat, weiss, wovon ich spreche...

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