Der ganz normale wahnsinn

Der ganz normale Wahnsinn

Kids und Job unter einen Hut bringen? Easy! Oder doch nicht?

Wieviele Hobbys braucht ein Kind?

Der Sohn von Sandra C. nahm kürzlich als reiner «Plausch-Schwimmer» an einem Schwimmturnier teil. Der Aufenthalt am Beckenrand und das Beobachten von übereifrigen Eltern regte die Familienbloggerin zum Nachdenken an: Haben ihre Kinder zu wenige Hobbys?
Fussball Eltern Fans
© iStockphoto

«Hopp Schätzli, hopp!» Die Fans am Spielrand - die Eltern - sind mitunter total euphorisch. Mehr noch als der angefeuerte Star selbst.

«Ziiiiieh, Noah, ziiiiiieh!» Leicht irritiert betrachte ich den Vater schräg hinter mir, der lautstark seinen Sohn anfeuert. Die Szene weckt eine ganz ungute Erinnerung in mir. Ich, als Kind keine begnadete Schwimmerin, nahm ein einziges Mal an einem Wettschwimmen teil, ich glaube, ich war so acht oder neun Jahre alt. Da ich die ersten sechs Jahre meines Lebens furchtbar wasserscheu war, hatten die anderen Kinder rein übungstechnisch einen gewissen Vorsprung auf mich. So hangelte ich mich denn auf der ersten Bahn Meter um Meter vorwärts, vor allem damit beschäftigt, nicht gänzlich abzusaufen - als ich meinen Vater vom Beckenrand aus rufen hörte: «Hopp, Sandra, hopp!» In meinen Ohren der reinste Hohn und die pure Provokation. Unter Tränen schwamm ich zum Beckenrand, uns sagte, er solle aufhören zu rufen. Ob ich nun letzte wurde oder allerletzte, war auch egal. Dabei meinte es mein Vater ja nur gut. Er und meine Mutter waren keine dieser Eltern, die mich jedes Wochenende zu irgendwelchen Wettkämpfen schleppten und dann wild schreiend und fuchtelnd dastanden, um mich zu Höchstleistungen zu pushen.

Bei Noahs Eltern bin ich mir diesbezüglich nicht ganz so sicher. Selbstverständlich hat er das Wettschwimmen in seiner Altersklasse gewonnen. «Er ist ja auch im Schwimmclub», erklärt mir mein Sohn. «Was, das auch noch? Gibt es irgendetwas, was das arme Kind nicht machen muss?», rutscht es mir heraus. Neben dem Schwimmclub ist Noah nämlich auch noch im Fussball- und im Handballclub, im Judo, in der Pfadi, im Theaterverein und nimmt Gitarren- und privaten Englischunterricht. Keine Frage, der Junge ist ein sportliches Multitalent, und hat auch sonst einiges auf dem Kasten - aber hat er irgendwann einfach mal frei? Darf er einfach mal spielen oder mit Freunden abmachen?

A apropos: Ich habe meinen Kindern Kurse, welche am Mittwochnachmittag stattfinden, wo sie frei haben, mehr oder weniger verboten. Ich finde, da sollen sie genau das machen dürfen, wozu sie sonst nicht kommen: spielen, draussen sein, mit Freunden abmachen. Wobei letzteres zunehmend schwierig wird: Wann immer ich anrufe, heisst es «Louis hat bis um drei Flötenunterricht» oder «Mia hat um vier Zumba». Kann mir doch keiner weismachen, dass diese Kids das alles von sich aus unbedingt tun wollen (welches Kind spielt schon freiwillig Blockflöte????).

Meine Kinder haben je drei bis vier Hobbys (Tennis spielen sie jeweils nur im Winter, weil wir im Sommer lieber in die Badi gehen als in die Tennishalle), und ich finde, das reicht vollkommen. Wo immer es ging, habe ich sie beim Schulsport angemeldet, und nicht beim Club. Erstens, weil es billiger ist, und zweitens meiner latenten Unlust wegen, die Wochenenden auf dem Fussballplatz oder in der Handballhalle zu verbringen. Vermutlich versaue ich meinem Sohn so seinen grössten Traum, da seine Chancen, als Fussballprofi entdeckt zu werden minim sind, aber das hat er zum Glück noch nicht rausgefunden. Mein schlechtes Gewissen hält sich in Grenzen. Er spielt zwar nicht schlecht, aber es gibt einige in seinem Alter, die um einiges besser sind.

Bisher haben meine Kinder zwar Freude an ihren Hobbys, eine richtige Passion hat aber noch keines entwickelt. Und ehrlicherweise bin ich ganz froh darüber, wenn ich sehe, wie viel Zeit, Geld und Energie manche Eltern diesbezüglich in ihre Kinder investieren. Ich würde das selbstverständlich auch tun, wenn ich das Gefühl hätte, eines meiner Kinder hat sein eines Hobby entdeckt, das wirklich seinen Ehrgeiz geweckt hat, und für das es auch selbst bereit ist, etwas zu investieren und auf anderes zu verzichten. Aber bei diesen «Hobby-Sammlern» die montags Fussball spielen, dienstags Tennis, mittwochs haben sie Schlagzeug-Unterricht, donnerstags Hip-Hop, freitags Spanisch und am Wochenende gehen sie noch in die Pfadi - da frage ich mich schon, was die Eltern damit bezwecken. «Er braucht das. Er langweilt sich so schnell», sagt Noahs Vater. Aha. Nun, wenn sich mein Sohn langweilt, schlage ich ihm jeweils vor, ein bisschen Kopfrechnen mit ihm zu üben, dann ist die Langeweile so plötzlich verschwunden, wie sie gekommen ist. Ausserdem macht Langeweile kreativ. So hat meine Tochter kürzlich ein ganz tolles neues Hobby entdeckt, das sie zu Hause ausüben kann und das nicht viel kostet: backen. Mindestens einmal pro Woche zaubert sie ganz allein fantasievoll dekorierte Kuchen oder Muffins. Finde ich toll - zumal auch andere noch etwas davon haben.

Ah ja, und um nochmal zurück zum Schwimmwettbewerb zu kommen: Mein Sohn ist irgendwo im Mittelfeld gelandet. Aber er hat ja auch nur mitgemacht, weil sie sonst für die Stafette einen zu wenig gehabt hätten. Da wurden sie dann immerhin Zweite - aber auch nur, weil sie einen Viertklässler in die Reihen der Zweitklässler geschmuggelt haben (weil jemand krank war). Dieser zweite Platz ärgerte meinen Sohn furchtbar, denn nur die Gewinner kriegten einen Pokal. Und einen solchen zu gewinnen, erklärte er mir, sei der einzige Grund, weshalb man bei so etwas überhaupt mitmache. Aber so schlimm sei es trotzdem nicht, er erhalte ja sicher noch viele Pokale, später, wenn er beim FC Barcelona spielt. Ob ich glaube, dass er beim nächsten Grümpelturnier entdeckt werde? Wer weiss.

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