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Der ganz normale Wahnsinn

Wie bringt Sandra C. Kids und Job unter einen Hut? Easy! Oder doch nicht?

Ich war nicht immer da

Die Primarschulzeit der Tochter von Sandra C. ist zu Ende. Für die Familienbloggerin ein Zeitpunkt, mal Bilanz zu ziehen - und Selbstkritik zu üben: Wer als Elternteil, der mehr als „ein bisschen zwischendurch“ arbeitet, behauptet, immer und in jeder Lebenslage für seine Kinder da zu sein, belügt sich selbst. Und auch hier gilt wieder einmal: Mütter (be)trifft das mehr als Väter.

Es ist der letzte Primarschultag meiner Tochter. Begangen wird er mit einem grossen Happening auf dem Pausenplatz, bei dem die Sechstklässler verabschiedet und vor den Augen von Mitschülern, Lehrpersonen und Eltern in ein Wasserbecken getaucht werden. Ein wichtiger Tag in ihrem Leben. Ich hätte da sein sollen. Ich war es nicht. Ich war für einen Job im Ausland.

Am Abend komme ich todmüde nach Hause. «Mamimamimami» überfällt sie mich, wie damals, als sie noch ein Kleinkind war, als ich zur Tür hereinkam. «Lueglueglueg, ich zeige dir die Videos!» Ich habe noch nicht mal die Schuhe ausgezogen und den Koffer noch in der Hand. «Lass mich doch erstmal ankommen», sage ich wenig enthusastisch. Mit einer enttäuschten Geste verzieht sie sich in ihr Zimmer.

Ich habe nie weniger als 80 Prozent gearbeitet

Was bin ich bloss für ein Arsch! Nicht nur, dass ich nicht da war an diesem wichtigen Tag in ihrem Leben, ich interessiere mich nicht mal dafür. Auch wenn ich todmüde bin und noch in den verschwitzten Reiseklamotten stecke, ist es meine Pflicht, mich für das Leben meiner Tochter zu interessieren.

Seit meine Kinder auf der Welt sind, habe ich nie weniger als 80 Prozent gearbeitet. Zwei Tage pro Woche waren sie jeweils in Krippe oder Hort, den Rest haben ihr Vater und ich uns mehr oder weniger fifty-fifty aufgeteilt. Das klingt doch einigermassen vernünftig.

Es ist nicht wichtig, dass ich jeden Mittag koche

Als sie klein waren, habe ich auch wirklich relativ wenig verpasst: Ich war da, als sie ihren ersten Brei assen, ihre ersten Zähne bekamen, ihre ersten Schritte wagten, erstmals Velo fuhren, auf Skiern standen und zum Floss im See rausschwammen. Ich war immer der festen Überzeugung: Meinen Kindern ist nicht wichtig, dass ich jeden Mittag für sie koche. Ihnen ist wichtig, dass ich da bin, wenn es für sie wichtig ist. Das habe ich immer versucht, und es ist mir auch oft gelungen. Aber eben nicht immer. Wenn ich das behaupte, belüge ich mich selbst.

Klar, wenn ich nicht da war, war es ihr Vater. Auch an diesem letzten Primarschultag. Aber das ist eben nicht dasselbe. Auch wenn mich das nervt - warum sollte die Präsenz eines Vaters weniger Wert sein als die einer Mutter? Aber Mütter haben immer dieses schlechte Gewissen, das Väter nicht haben. Was die Zeit angeht, in der wir uns um unsere Kinder kümmern, haben sich ihr Vater und ich das immer aufgeteilt - mal je hälftig, mal war ich mehr da, mal er.

Die Mutter ist verantwortlich

Die Verantwortung aber lag immer in erster Linie bei mir. Das lag oder liegt nicht daran, dass er das nicht kann - sondern daran, dass es für alle anderen selbstverständlich ist, dass die Mutter verantwortlich ist für alles, was die Kinder betrifft. Das Kind macht Ärger im Kindergarten? Die Kindergärtnerin ruft die Mutter an, nicht den Vater, auch wenn sie beide Telefonnummern hat.  Eine Trainingsstunde fällt aus? Das entsprechende Mail geht an die Mutter, nicht an den Vater. Die Tochter will bei einer Freundin übernachten? Das machen die Mütter untereinander aus, nicht die Väter.

Mein Partner hat vor kurzem ein Mail an einen Trainer meines Sohnes geschrieben, er möge ihn doch bitte in die Mailingliste aufnehmen, damit er auch informiert ist über Spiele, Trainingszeiten und so weiter und sich die Infos nicht immer bei mir holen muss. Der dachte wohl, das sei so eine Art Witz, ein Vater, der informiert sein möchte, und hat das Mail grosszügig ignoriert.

Es ist ein Privileg, am Leben meiner Kinder teilnehmen zu dürfen

Fakt ist: Ich war nicht jedesmal da, wenn ich es gewollt hätte, und wenn es meine Kinder gewollt hätten. Und ich werde es auch in Zukunft nicht jedesmal sein. Fakt ist aber auch: Jemand war immer da. Und ich hoffe, dass es das sein wird, woran sie sich später erinnern werden: Dass ihre beiden Eltern da waren, wenn es wichtig war. Dass sie zugehört haben. Und sich für ihr Leben interessiert, egal, wie müde und verschwitzt sie gerade waren.

Ich stelle den Koffer ab und gehe zu meiner Tochter. «Tut mir leid, ich bin nur ein bisschen müde. Zeig mir die Videos. Wie wars? Was habt ihr genau gemacht?» So sitze ich über eine Stunde bei meinem Kind und spreche mit ihm über seinen Tag - während andere in der gleichen Situation erst mal geduscht und den Koffer ausgepackt hätten und dann ins Bett gefallen wären. Aber ich bin nicht andere. Zum Glück. Denn es ist ein Privileg, am Leben meiner Kinder teilnehmen zu dürfen. Und ich bin dankbar dafür, dass sie das möchten, auch wenn sie wissen, dass es nicht immer möglich ist.