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Der ganz normale Wahnsinn

Wie bringt Sandra C. Kids und Job unter einen Hut? Easy! Oder doch nicht?

Gleichberechtigung? (Auch) nicht im Bundesrat!

Die Schweiz hat einen neuen Bundesrat. Zwar war die Wahl von Iganzio Cassis keine grosse Überraschung – und Sandra C. traut ihm auch einiges zu. Trotzdem findet es die Familienbloggerin schade, dass man die Chance verpasst hat, endlich jemanden in den Bundesrat zu wählen, von der sie sich als berufstätige Mutter vertreten gefühlt hätte.
Cassis, Maudet oder Moret — wer wird neuer Bundesrat
© Keystone

Isabelle Moret findet es schon toll, dass eine berufstätige Mutter überhaupt als Bundesrätin kandidiert hat. Bloggerin Sandra C. ist von dieser Aussage enttäuscht. 

Dass sie überhaupt kandidiert habe, sei schon ein Fortschritt, sagte Bundesratskandidatin Isabelle Moret am Mittwoch kurz nach ihrer Nicht-Wahl. Was für eine typische Aussage für dieses Land. Eine, die zeigt, wie wenig wir Frauen in und von diesem Land erwarten – und das im Jahr 2017. Die Gleichstellung von Mann und Frau ist zwar in der Verfassung verankert, faktisch ist sie in der Gesellschaft und in der Politik noch lange nicht angekommen.

Dies zeigt nicht der Fakt, dass Isabelle Moret nicht gewählt wurde, sondern alles, was um ihre Nicht-Wahl herum geschah. Eben zum Beispiel, dass die Tatsache, dass sich eine Mutter von zwei schulpflichtigen Kindern diesen Job zutraut, als grosser Schritt in Richtung Gleichberechtigung gewertet wird.

Zwar wurde im Vorfeld immer wieder betont – auch von Isabelle Moret selbst – die Bundesratswahl sei keine Frauenfrage (Moret: «Die FDP setzt auf Quailtät, nicht auf ein Geschlecht»). Trotzdem war ihr Geschlecht ein Thema. Fairerweise muss man sagen, dass auch Kandidat Pierre Maudet in Interviews gefragt wurde, wie er als Bundesrat die Betreuung seiner drei Kinder regeln würde. Aber auf die Gefahr hin, den entsprechenden Journalisten Unrecht zu tun: Die Frage wäre ihm nie gestellt worden, wenn neben ihm keine berufstätige Mutter kandidiert hätte. («Wir haben sie gefragt, dann müssen wir ihn auch fragen.»)

«Im Bundesrat sollten alle Lebenserfahrungen vertreten sein», sagte Isabelle Moret in einem Interview mit der NZZ. Und ohne Neu-Bundesrat Ignazio Cassis zu nahe treten zu wollen: Berufstätige Mütter von schulpflichtigen Kindern, die von deren Vater getrennt sind, gibt es sicherlich mehr als kinderlose Tessiner Ärzte. Gerade die FDP, die gern mit Begriffen wie soziale Verantwortung, Solidarität und Gerechtigkeit um sich wirft, hätte sich ernsthaft für eine dritte Frau im Bundesrat einsetzen können. Will heissen: Eine zweite Frau aufstellen. Mindestens.

Auch wenn ich Iganzio Cassis durchaus zutraue, einen guten Job zu machen: Ich fühle mich von ihm nicht vertreten – genauso wenig wie von seinen sechs Kolleginnen und Kollegen. Ich weiss nämlich aus eigener Erfahrung, dass man sich vieles nicht vorstellen kann, wenn man selbst nicht betroffen ist. Eine berufstätige Mutter kann zum Beispiel nachvollziehen – immer noch besser als ein Vater – warum Tagesschulen, bezahlbare Kinderbetreuung und Lohngleichheit so wichtig wären. Und sie weiss – weil sie viel öfter mit Vorurteilen konfrontiert wird als Männer und kinderlose Frauen – dass Gleichberechtigung im Alltag, in den Köpfen der Schweizerinnen und Schweizer, noch lange nicht angekommen ist. Schade, haben wir die Chance verpasst, jemanden mit entsprechender Erfahrung in den Bundesrat zu wählen. Dann eben nächstes Mal. Und ein bisschen Italianità dürfte unserer Exekutive ja auch nicht schaden.