Der ganz normale wahnsinn

Der ganz normale Wahnsinn

Kids und Job unter einen Hut bringen? Easy! Oder doch nicht?

Im Digi-Tal der Kindererziehung

Ja, Familienbloggerin Sandra C. ist manchmal überfordert, wenn es um die Erziehung ihrer Kinder geht. Ihre grösste Herausforderung: Smartphones, Internet und Co.

Die Diskussion neulich fing recht harmlos an. «Ab wann darf man einen Freund haben?», fragte meine Tochter. «Für Freunde gibt es keine Altersgrenze», sagte ich. Sie: «Aber so richtig, mit Knutschen und so.» Oh. mein. Gott. Woher kennt sie überhaupt dieses Wort? «Fabian aus meiner Klasse hat schon eine richtige Freundin», meinte sie. Puh! Alles gut - solange die «richtige» Freundin nicht mein kleines, süsses Töchterchen ist. «Fabian hat auch ein Handy!» Ach so, daher wehte also der Wind. «Ich will auch ein Handy!» Hab ichs doch gewusst. «Willst du nicht lieber einen Freund?», fragte ich. Sie: «Hab ich schon!» Ah ja, den hatte ich verdrängt. Er ist aber nicht «richtig». Zumindest nicht, dass ich wüsste. Wenn man von dem einen Küsschen aus Neugier absieht, vergangenen Sommer in der Badi-Garderobe. «Dann würdest du deinen Freund gegen ein Handy tauschen?» Das war ein cleverer Schachzug von mir. «Sicher nicht», meinte sie empört. Diskussion beendet. Eins zu null für mich.

Aber nur für den Moment. Die Handy-Diskussion führen wir nämlich regelmässig. Genau wie die iPad-Diskussion, die iPod-Diskussion, die Laptop-Diskussion und die TV-im-Kinderzimmer-Diskussion. Ich finde, Achtjährige brauchen nichts von alldem. Sie findet, sie braucht alles. Da aber kaum ein Kind in ihrer Klasse momentan im Besitz eines Handys oder iPads ist, lässt sie sich meist noch mit einem bestimmten «Kommt nicht in Frage» abwimmeln. In ein, zwei Jahren wird das wohl bereits anders sein. Dann brauche ich Argumente. Und das wird gar nicht so einfach. Meine Kinder wachsen nämlich diesbezüglich auf einem ganz anderen Planeten auf, als ich das bin. Internet, Smartphones, Facebook - die Begriffe hätten mir als Achtjährige höchstens ein verständnisloses Schulterzucken entlockt. Bei mir gabs einen TV im Wohnzimmer, da lief am Samstagabend «Scacciapensieri» im Tessiner Fernsehen. Wenn mein Bruder und ich sonst mal etwas schauen wollten, war das Verhandlungssache. Vermutlich fanden meine Eltern das schon recht kompliziert. Und heute stehen Zweijährige vor dem Fernsehbildschirm und sind erstaunt, wenn sich das Bild darauf nicht mit einem Fingerwisch bewegen lässt.

Ich gebs zu: Auch ich kann mir ein Leben ohne Laptop und Smartphone kaum mehr vorstellen. Aber was meine Kinder und diese Dinge angeht, bin ich extrem gefordert - um nicht zu sagen, überfordert. Irgendwann werden sie sich in der digitalen Welt zurecht finden müssen. Aber wann? Ich finde, es ist jetzt noch zu früh. Aber ist es in zwei, drei Jahren zu spät? Ab wann verstehen sie, dass das Internet nicht die reale Welt ist? Dass sich jeder, der will, als zwölfjähriges Mädchen auf der Suche nach Freundinnen ausgeben kann? Dass man, wenn man «Meerjungfrauen» googelt nicht unbedingt auf die Zeichentrickfilmfigur Arielle stösst? Ich frage mich fast jeden Tag, ob ich falsch liege bei gewissen Dingen. Zum Beispiel, was Spiele angeht. Am Wochenende sind Autorennen und Supermario auf dem Nintendo erlaubt. Ab und zu mal «Temple Run» auf meinem iPhone. Ballerspiele jeglicher Art sind verboten. Und wenns nach mir geht, bleiben sie verboten, bis sie volljährig sind. Killen geht nicht. Auch nicht digital. Und dann seh ich vor meinem pessimistischen inneren Auge meinen Sohn, der als Teenager Tag und Nacht vor dem Computer hockt und auf dem Bildschirm um sich schiesst. Und wenn ich mich beklage, murmelt er etwas von «nachholen, was ich als Kind nie durfte.» Die digitale Erziehung meiner Kinder ist wohl eine meiner grössten Herausforderungen. Ich kann nur hoffen, dass es mir einigermassen gelingt, aus ihnen vernünftige Menschen zu machen - im Netz und im echten Leben. 

Darüber, dass meine Tochter ihren Freund momentan noch einem Handy vorzieht, bin ich erleichtert. Solange er kein «richtiger» Freund ist, versteht sich. Dabei meinen es die beiden durchaus Ernst miteinander. Sie sind ganz sicher, dass sie irgendwann heiraten. Sie haben sogar schon die Hochzeits-Wunschliste erstellt. Zuoberst stehen zwei Handys. 

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