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Der ganz normale Wahnsinn

Wie bringt Sandra C. Kids und Job unter einen Hut? Easy! Oder doch nicht?

An die Frau, die meine Tochter mal sein wird

Heute ist internationaler Frauentag. Familienbloggerin Sandra C., wendet sich aus diesem Anlass in einem Brief an das zukünftige Ich ihrer Tochter.

Mein liebes Mädchen,

noch viereinhalb Jahre, dann bist du laut Gesetz eine Frau. Was das genau bedeuten wird, kann ich dir nicht sagen. Das ist etwas vom Schwierigsten am Elternsein: Wir müssen Kinder in einer und für eine Zeit erziehen, die anders ist als «unsere». Dabei ist es genau das, worauf jede Generation hofft: Dass gewisse Dinge für unsere Kinder anders sind. Leichter. Selbstverständlich.

Das erhoffe ich mir auch für dich. Ich hoffe, dass es für dich leichter sein wird, Entscheidungen zu treffen. Weil es selbstverständlich ist, dass du keine Kinder willst. Oder dass du Kinder willst und Karriere machen. Oder dass du keine Karriere machen willst, ob mit oder ohne Kinder. Weil es selbstverständlich ist, dass du tatsächlich eine echte Wahl hast. Weil du gleichviel verdienst wie deine männlichen Kollegen.

Weil das, was zuoberst im Gesetz steht, endlich auch für uns Frauen gilt: Die Würde des Menschen ist unantastbar. 

Weil du genauso Teilzeit arbeiten kannst wie dein Partner – oder deine Partnerin – und die Vereinbarkeit von Job und Familie eine Selbstverständlichkeit ist. Weil es auf allen Ebenen, sei das politisch oder wirtschaftlich, Leute gibt, die sich für deine Anliegen stark machen. Weil es in den Köpfen der Leute keine so fixen Vorstellungen gibt, wie eine «gute» Frau sein sollte.

Weil das, was zuoberst im Gesetz steht, endlich auch für uns Frauen gilt: Die Würde des Menschen ist unantastbar. Auch deine als Frau. Du wirst nicht stundenlang überlegen, was du anziehst, was du sagst, wie du dich verhältst, weil es selbstverständlich ist, dass dich niemand anfasst, wenn du das nicht möchtest. Weil es selbstverständlich ist, dass niemand aufgrund deines Geschlechts deine Fähigkeiten und deine Erfolge in Frage stellt.

Ich wünsche mir wirklich, dass deine Zeit so sein wird. Meine ist es (noch) nicht. Trotzdem gibt es drei Dinge, die ich dir rate:

Erstens: Sei mutig!

Die besten Entscheide, die ich im Leben getroffen habe, waren immer die, die mich Überwindung gekostet haben. Klar, manchmal gings nach hinten los. Dann hab ich draus gelernt. Aber meistens hat es sich im Nachhinein als wirklich gut herausgestellt. Schau über den Tellerrand. Komm aus deiner Komfortzone. Nicht immer. Aber immer wieder mal. Und wenn du hinfällst, steh auf, komm zu Mama und heul dich aus, und geh weiter.

Es ist nichts falsch daran, seine Ellbogen einzusetzen. Aber überleg dir genau, auf wessen Kosten du das tust.

Zweitens: Sei nett!

Du wirst vielleicht in eine Zeit hineinwachsen, in der Frauen über Leichen gehen, für ihre Karriere, für ihre Freiheit, für ihr Recht darauf, so zu leben, wie sie wollen. Sozusagen als Retourkutsche, weil sie so lange zurückstecken mussten. Es ist nichts falsch daran, seine Ellbogen einzusetzen. Aber überleg dir genau, auf wessen Kosten du das tust. Spiel fair – oder zumindest so, dass du jeden Morgen in den Spiegel schauen kannst, ohne dir sagen zu müssen, dass du jemandem unnötig in den Rücken geschossen hast.

Drittens: Sei du selbst!

Das ist kein Wunsch, keine Bitte und kein Rat, sondern ein Befehl: Bleib du selbst. Total Wurscht, ob K-Pop in bleibt oder nicht – wenn du ihn magst, bleib ihm treu. Voll egal, ob es «nerdig» ist, stundenlang Klavier zu spielen – wenn es dich glücklich macht, dann tu es. Und völlig gleichgültig, ob Fussball zu männlich für Mädchen ist oder Tanzen zu girly für eine emanzipierte Frau – tu das, was dein Bauch dir sagt. Immerimmerimmer! Du wirst dich im Laufe deines Lebens immer wieder mal verlieren. Aber du wirst dich wiederfinden. Und vielleicht auch mal neu erfinden. Und das ist gut so.

Ich wünsche mir, dass du die Frau wirst, die ihr Leben selbst in die Hand nimmt.

Mein liebes Mädchen. Ich wünsche dir nicht, dass du die Frau wirst, die du dem Zeitgeist entsprechend sein sollst. Ich wünsche dir auch nicht, dass du die Frau wirst, die ich erzogen habe. Ich wünsche mir, dass du die Frau wirst, die ihr Leben selbst in die Hand nimmt und – nicht immer, aber fast immer – sagen kann: «Ich bin mutig. Ich bin nett. Ich bin ich. Ich bin glücklich.»