Der ganz normale wahnsinn

Der ganz normale Wahnsinn

Kids und Job unter einen Hut bringen? Easy! Oder doch nicht?

Schall und Rauch

In keinem anderen Land der Welt kiffen so viele Teenager wie in der Schweiz. Drogenexperten schlagen Alarm und nutzen die Zahlen der entsprechenden Befragung, um gegen eine Legalisierung von Cannabis mobil zu machen. Sandra C. fragt sich, ob das tatsächlich der richtige Weg ist. Auch wenn die Familienbloggerin keine Freude an Joints im Kinderzimmer hätte.
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© Getty Images

Ihren ersten Joint rauchte Bloggerin Sandra C. mit ihrem Vater.

Ich lese die Berichte zu der entsprechenden Studie und die besorgten Kommentare der Drogenexperten und frage mich: Was macht jemanden eigentlich zum Drogenexperten? Ist das einer, der alles durchprobiert hat, vom einen oder andern abhängig war und jetzt weiss, dass das nicht sooo toll ist? Oder einfach jemand, der ganz viel theoretisches Wissen über Drogen angesammelt hat, ohne das Zeug jemals angerührt zu haben? So oder so: Ich bin in keinerlei Hinsicht eine Expertin in Sachen Drogen. Aber ich war mal Teenager und ich habe Kinder, die auf dem Weg dazu sind, also darf ich mir eine Meinung erlauben. Und die ist relativ pragmatisch, denn eigentlich interessieren mich Drogen schlicht und einfach nicht. Klar hab ich auch schon gekifft. Alles andere hab ich nie angerührt, weder Koks, noch LSD, noch wasauchimmer. Auch wenn das in meiner Generation schon fast uncool ist. Ich mag den Gedanken, dass das daran liegt, dass in meinem Elternhaus in jeglicher Hinsicht ein relativ unverkrampfter Umgang mit so gut wie allem herrschte. Was wiederum an meinen Eltern lag, die in ihren Ansichten und Umgangsformen eher der «Woodstock-Generation» angehörten.

Als ich 15 war, fragte mich mein Vater, ob ich eigentlich schon mal gekifft habe. Auf mein Nein meinte er: «Dann wirds langsam Zeit!» Wir teilten uns auf dem Balkon einen Joint, ich bekam einen Bärenhunger und leerte den Kühlschrank. Das wars. Danach nahm ich mal einen Zug, wenn ein Joint kreiste, mal nicht, und hatte zu keiner Zeit den Eindruck, ich sei jetzt irgendwie total der Bringer oder völlig uncool, weil ich kiffte oder nicht. Zumal ich Rauchen an und für sich etwas vom Gruseligsten überhaupt finde. Ich kann null nachvollziehen, wie man sich Rauch in die Lungen pumpen kann, der nach nichts schmeckt, viel kostet und nicht mal high macht.

Wie gesagt: Mir gefällt der Gedanke, dass mein Desinteresse an jeder Art von Drogen damit zusammenhängt, dass meine Eltern einen eher lockeren Umgang mit ihnen pflegten und ich ergo niemals kiffen musste, um zu rebellieren. Aber eigentlich glaube ich an einen anderen Grund: Ich bin als Person schlicht und einfach nicht besonders suchtgefährdet (mit ein paar klitzekleinen Ausnahmen, zum Beispiel Schuhe...). Jede Art von Drogen reizt mich genauso wenig wie das Rauchen. Das war schon so, als ich 15 war. Und ich hatte nie das Gefühl, irgend etwas machen zu müssen, um «dazu zu gehören». Gut, ­die meisten Partys stiegen eh bei mir, weil meine Eltern die einzigen waren, die sie erlaubten. Also haben sie vielleicht doch etwas damit zu tun, schliesslich war ich per Definition schon cool, weil ich coole Eltern hatte.

Die grosse Frage ist nun: Was mache ich im Bezug auf meine eigenen Kinder aus alldem? Biete ich ihnen irgendwann wie mein Vater einen Joint auf unserer Terrasse an, in der Hoffnung, diese Lockerheit führe dazu, dass sie kein Interesse an Drogen haben? Ich glaube nicht. Ich fände es wohl keine grosse Katastrophe, wenn sie mal Cannabis probieren. Aber nein, ich hätte keine Freude, wenn ich welches in ihrem Kinderzimmer finden würde. Weil ich nicht will, dass sie irgendeinen Shit rauchen, weil irgendwer sagt, nur so gehöre man dazu (und mal ehrlich: Wer hat NICHT angefangen zu kiffen, um dazu zu gehören? Niemand!) Ich möchte, dass sie Dinge tun, die ihnen Freude machen, Sachen konsumieren, die ihnen schmecken, und Ansichten haben, die sie sich selbst gebildet haben, ­ und nicht, dass sie Dinge tun, Sachen konsumieren und Ansichten haben, um anderen zu imponieren. Auch wenn ich weiss, dass das in einem gewissen Alter schwierig ist.

Ich weiss nicht, ob ich als Mutter tatsächlich etwas tun kann, um zu verhindern, dass meine Kinder irgendwann zu Drogen greifen, oder ob das einfach Glück oder Pech ist. Was ich tun kann, ist, sie zu ermuntern, ihre eigenen Entscheidungen zu treffen, ihnen immer wieder zu sagen, sie sollen sich selbst vertrauen, egal, was andere sagen. Und dann kann ich nur noch auf ihren gesunden Menschenverstand hoffen. Drogen sind cool? Denkt mal nach! Was für ein Bullshit! Ob ich trotzdem für die Legalisierung von Cannabis bin? Ja. Weil das Verbot nur noch mehr reizt. Weil es Teenager kriminalisiert, die nur aus Neugier handeln. Weil ich glaube, dass es für Suchtgefährdete keine Rolle spielt, ob ihre Einstiegsdroge legal ist oder nicht. Und weil ich mir dann nächstes Jahr, zum zehnten Todestag meines Papas, ohne schlechtes Gewissen ganz allein auf meiner Terrasse einen Joint anzünden und in seinem Gedenken rauchen könnte.

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