Der ganz normale wahnsinn

Der ganz normale Wahnsinn

Kids und Job unter einen Hut bringen? Easy! Oder doch nicht?

Von denen, die ständig gegen Windmühlen jammern

Die Supermom hat ausgedient. In ist jetzt, wer zugibt, beim Jonglieren mit Job und Familie immer haarscharf am Nervenzusammenbruch vorbeizuschrammen. Fakt ist, dass sich Kinder und Karriere in unserem Land nicht vereinbaren lassen, sagt Familienbloggerin Sandra C. Fakt ist aber auch, dass man diese Tatsache durch stetiges Gejammer nicht ändert.
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© Getty Images

Kind und Karriere unter einen Hut zu bringen, ist nicht immer einfach.

«Uuuuund? Wie? Geht? Es? Dir?» fragte mich kürzlich eine Bekannte, die ich schon länger nicht mehr gesehen hatte, in der Schlange bei Starbucks. In dem Tonfall, in dem man mit einem Kleinkind redet. Oder mit einer armen Irren. Verwundert schaute ich sie an. «Ääääh, gut.» - «Wirklich?», fragte sie, die Augenbrauen ungläubig hochgezogen. «Ja klar, warum sollte es mir nicht gut gehen?» «Na ja», meinte sie, «du hast doch Kinder und arbeitest auch noch. Und alle berufstätigen Mütter, die ich kenne, sind immer so gestresst. Und dann liest man ja auch überall, dass es für eine Frau unmöglich ist, Kinder und Karriere unter einen Hut zu kriegen.»

Irgendwie scheint sich in letzter Zeit das Idealbild der Supermom, die alles auf die Reihe kriegt, verschoben zu haben in Richtung der Chaosmom, die zugibt, dass sie nichts richtig auf die Reihe kriegt und ständig am Rande eines Nervenzusammenbruchs steht. Und ich frage mich tatsächlich immer öfter, ob ich die einzige bin, die das Gefühl hat, sie kriege das eigentlich ganz gut hin mit Beruf und Kindern. Und ob ich etwas falsch mache, weil ich trotz Familie und Job nicht ständig kurz vorm Burnout stehe. Immer wieder zeigen Studien: Kinder und Karriere zu vereinbaren, ist in der Schweiz unmöglich. Stimmt. Zumindest für einen Teil von uns, und der ist zugegebenermassen meistens weiblich. Fakt ist, wenn bei unseren Strukturen in der Arbeitswelt einer - oder eine - in der Familie richtig Karriere machen und Kinder haben will, geht das zwangsläufig auf Kosten der Karriere der oder des anderen. Wollen beide Karriere machen, gehts auf Kosten der Kinder. Wollen beide Kinder und Job irgendwie vereinbaren, gehts auf Kosten beider Karrieren.

Ich mache keine Karriere. Jedenfalls nicht so teppichetagenmässig. Das ist mir auch nicht wichtig. Ich arbeite. Viel. Das ist mir wichtig. Und ich bin für meine Kinder da. Oft. Das ist mir auch wichtig. Ich bin oft müde. Aber selten gestresst. Weil ich mich nicht stressen lasse. Nicht von anderen - und vor allem nicht von mir selbst. Es ist jetzt 22.30 Uhr und ich schreibe diesen Blog. Weil ich gestern Vormittag, als ich ihn eigentlich schreiben wollte, mit meiner Tochter zum Kinderarzt musste. Mittelohrentzündung und drei mehr oder weniger schlaflose Nächte. Und am Nachmittag habe ich mit meinem Sohn Hausaufgaben gemacht, wie fast jeden Tag. Weil das nicht klappt, wenn er sie allein machen soll. Dann hat er in den Tests schlechte Noten, weil er nicht weiss, was er lernen muss. Wenn ich ihn unterstütze, sind seine Noten gut. Und morgen habe ich den ganzen Tag Termine. Dann schreibe ich halt nachts. Und am Wochenende.

Klar bin ich manchmal überfordert. Aber eben nur manchmal. Und ja, ich jammere auch mal. Aber eben auch das nur manchmal. Weil ich meine Energie nicht mit ständigem Gejammer verschwenden mag. Denn mit Jammern hat noch nie jemand Fakten geändert. Und die sind halt, wie sie sind:

  • Frauen verdienen für den gleichen Job weniger als Männer.
  • Frauen haben im Job nicht die gleichen Chancen wie Männer.
  • Auswärtige Kinderbetreuung ist schweineteuer.
  • Quantität - sprich: Präsenzzeit - geht im Job über Qualität.
  • Kindererziehung wird nicht als gleichwertig angesehen wie Karriere in der Wirtschaft.
  • Die Wirtschaft hat null Interesse an Gleichberechtigung, hier geht es immer nur um Macht und Geld (sagt Familienforscherin Irene Mariam Tazi-Preve im sehr lesenswerten Interview mit der Elternzeitschrift «Fritz und Fränzi»).
  • Auch wenn sie berufstätig sind, sind hauptsächlich Frauen für Kindererziehung und Haushalt zuständig.

All diese Fakten sind wie die berühmten Windmühlen des Don Quijote. Gegen sie anzukämpfen, scheint lange sinnlos - aber irgendwann nützt es vielleicht doch ein bisschen was. Sie anzujammern, wird hingegen immer aussichtslos sein. Der Kampf beginnt bei uns, mit uns, in unseren Köpfen. Warum verlangen wir nicht einfach mal gleich viel Lohn wie der männliche Arbeitskollege Warum verlangen wir nicht einfach von den Vätern unserer Kinder, dass sie gopfridstutz auch mal einen Staubsauger in die Hand nehmen, schliesslich bringen wir ja auch Geld nach Hause? Warum haben wir nicht die Gnade, einen angemessenen Teil der Kindererziehung den Vätern zu überlassen - auch wenn sie vielleicht ein bisschen von unserer Vorstellung abweicht?

Gleichberechtigung bedeutet nicht Stress und Arbeiten bis zum Burnout. Gleichberechtigung bedeutet, im einen Teil - dem Job - etwas dazuzugewinnen, und im anderen - der Familie - ein bisschen etwas abzugeben (oder umgekehrt). Und nicht, im einen Teil möglichst viel dazuzugewinnen und im anderen nichts abzugeben, endlos darüber zu jammern und volle Pulle in ein Burnout zu schlittern. (Und es tut mir leid, das schreiben zu müssen, aber liebe Frauen, wir sind so oft selbst schuld, wenn wir uns im Job nichts (zu-)trauen und unseren Männern in der Kindererziehung ebenfalls nicht.)

Die Fakten werden sich nur mit politischem Druck ändern. Der entsteht nur, wenn wir - Männer und Frauen, Mütter und Väter - ihn erzwingen. Und dafür müssen wir bei uns selbst anfangen und handeln, wenn uns was nicht passt, nicht jammern. Weil wir alle Job und Familie vereinbaren wollen. Und irgendwann, in weiter Zukunft, vielleicht auch Kinder und Karriere.

Im Dossier: Alle Beiträge von Familienbloggerin Sandra C.