Der ganz normale wahnsinn

Der ganz normale Wahnsinn

Kids und Job unter einen Hut bringen? Easy! Oder doch nicht?

Irgendwie anders

Kürzlich bekam Sandra C. einen Aufsatz ihrer Tochter zu Gesicht, den die Familienbloggerin recht bemerkenswert findet. Denn in dem ganz kurzen Geschichtlein erzählt die Fünftklässlerin recht anschaulich, in welchem Dilemma ein elfjähriges Mädchen steckt: Es will gleich sein wie die anderen. Aber eben auch nicht.
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© ZVG.

Dieser Aufsatz ihrer Tochter hat Familienbloggerin Sandra C. beeindruckt.

«Das Etwas war sehr traurig, dass es gehen musste. Irgendwie anders merkte das mit der Zeit. Dann sagte er: «Na gut, wenn du wirklich bist wie ich, dann kannst du bleiben!» Das Etwas war nicht sofort glücklich, und sagte: «Aber du magst mich doch nicht.» Dann schaute Irgendwie anders das Etwas an und sagte: «Ich finde das toll, dass wir irgendwie anders sind.» Da wurde das Etwas glücklich und fragte: «Wollen wir Freunde sein?» «Aber natürlich wollen wir», sagte Irgendwie anders. Und das finden alle toll.»

«Darf ich deine Geschichte in meinem Blog veröffentlichen?», frage ich sie. «Warum?» ­ «Weil ich sie gut finde.» Sie schaut mich zweifelnd an. «Was findest du denn daran gut?» Ich sage ihr, dass ich zum Beispiel den Satz «Ich finde das toll, dass wir irgendwie anders sind» ganz stark finde für eine Elfjährige. Aber dass ich auch interessant finde, dass das Etwas trotzdem nur bleiben darf, wenn es gleich ist wie das Irgendwie anders. Sie zuckt mit den Schultern. «Kannst du schon brauchen für deinen Blog. Wenn du willst.»

«Willst du denn gleich sein wie all deine Freundinnen oder doch lieber anders?», frage ich sie. «Ganz gleich geht eh nicht», sagt sie. Anders sei schon gut. Nur nicht Tussi, das gehe gar nicht. Aber man müsse nun nicht zwingend die gleichen Sachen mögen wie sie, um mit ihr befreundet zu sein.

Dabei muss man eins über Elfjährige wissen: Es gibt nichts Wichtigeres in ihrem Leben als Freundinnen und Freunde. Wenn meine Tochter nach Hause kommt und sagt, sie wolle die Gruppe im Hip-Hop wechseln oder ab sofort Volleyball spielen, frage ich als erstes, welche ihrer Freundinnen denn in der anderen Hip-Hop­-Gruppe oder im Volleyballclub ist. Wenn sie wegen eines Familien-Wochenendes in den Bergen die Geburtstagsparty einer Freundin verpasst, kann man sie an besagtem Wochenende getrost ignorieren, denn sie spricht eh nicht mehr mit einem. Und wenn sie schlechte Laune hat (und es für einmal nicht an mir liegt) hatte sie Knatsch mit irgendeiner Freundin.

Das erstaunt mich meistens nicht. Vielmehr erstaunt mich, dass sie sich eben tatsächlich Freundinnen ausgesucht hat, die ihr Paroli bieten. Mein Töchterlein hielt sich nämlich schon als Kleinkind für den Nabel der Welt. Dazu gibt es eine legendäre Episode: Im zarten Alter von zwei Jahren stellte sie sich in der Badi vor den Bademeister und fragte in leicht verächtlichem Ton: «Is de das?» Das sei der Chef der Badi, erklärte ich ihr. Darauf sie, entsetzt: «Nei Chef! Ich Chef!» Was soll ich sagen... Soooo viel hat sich da nicht geändert in den letzten neun Jahren.

Ein bisschen etwas aber doch: Nach zwei, drei heftigeren Streits hat sie inzwischen gemerkt, dass eine gute Freundin nicht eine ist, die einfach das macht, was sie sagt. Denn eines muss ich meinem Teenie lassen: Sie kann (im Gegensatz zu ihrem Bruder) je nach Situation erstaunlich kritikfähig sein. Und sehr reflektiert. «Was ist denn nun besser?», hake ich nochmal nach. «Wenn man gleich ist wie alle anderen oder wenn man irgendwie anders ist?» «Man muss nicht gleich sein wie alle», sagt sie. «Aber wenn man die einzige ist, die anders ist, ists eben auch blöd. Gut wäre, wenn noch ein paar andere auch anders sind. Aber dann ist man ja schon wieder gleich.» Tja, so muss man offenbar sein als Fünftklässlerin: Gleich, aber eben doch anders. Und auch wenn ich nicht weiss, wie sie das macht, aber ich glaube, meine Tochter schafft das irgendwie.

Im Dossier: Alle «Der ganz normale Wahnsinn»-Beiträge von Familienbloggerin Sandra C.