Der ganz normale wahnsinn

Der ganz normale Wahnsinn

Kids und Job unter einen Hut bringen? Easy! Oder doch nicht?

Ich will alles!

Die ehemalige SF-Chefin Ingrid Deltenre sagte vergangene Woche in einem Interview, Kinder und Karriere zu vereinen, sei unmöglich. Kurz darauf stand Michelle Hunziker vier Tage nach der Geburt ihrer Tochter wieder vor der TV-Kamera. Familienbloggerin Sandra C. findet, beide taugen nicht besonders viel als Vorbilder.
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© Getty Images

«Ich will Kinder, Karriere, Geld, Reisen, Zeit für mich und dabei noch einigermassen annehmbar aussehen. Warum soll ich das nicht haben können?», fragt sich Familien-Bloggerin Sandra C. 

«Frauen wollen zu viel. Aber man kann halt nicht immer alles haben.» Wie oft habe ich diese beiden Sätze schon gehört. Genau so oft, wie ich mich daraufhin gefragt habe: «Ja und? Und warum nicht, verdammt nochmal?» Ich will Kinder, Karriere, Geld, Reisen, Zeit für mich und dabei noch einigermassen annehmbar aussehen. Warum soll ich das nicht haben können? Und vor allem: Warum darf ich das nicht wollen? Der Hund liegt nämlich in diesen Wörtchen begraben: Können. Wollen. Wollen dürfen. Aber nicht müssen.

Der Druck auf uns Mütter ist heutzutage enorm. Wir sollen arbeiten gehen, aber bitte keine Karriere machen, denn das geht nicht mit Kind. Wir sollen unser eigenes Geld verdienen, und danach bitteschön das Haus in Schuss halten, ein Dreigänge-Menü zaubern, dem Ehegatten zuhören, wenn er von seinen Sorgen erzählt und den Kindern bei den Hausaufgaben helfen. Wir sollen Tage nach der Geburt blendend aussehen und gertenschlank sein. Und selbstverständlich gilt das auch für unsere Kinder. Die müssen nicht nur schön, schlank und gut erzogen sein, sondern mit spätestens einem Jahr ganze Sätze bilden und nicht mehr in die Windeln machen. Natürlich müssen sie gut in der Schule sein, sonntags für die lokale Fussballmannschaft Tore schiessen und Klavier spielen. Oder Geige. Oder beides.

Ich reagiere immer mit Erstaunen, wenn mich jemand fragt, wie ich denn «alles unter einen Hut kriege». Ja, wie wohl? So wie alle anderen ihr Leben eben auch «unter einen Hut kriegen», egal, was sich da so alles drin tummelt: Kinder oder nicht, Job oder nicht, Hobbys, Beziehung, Haushalt, was auch immer. Wenn ihr trotzdem unbedingt wissen wollt, wie ich das so mache: Ich will. Ich darf wollen. Ich kann. Aber ich muss nicht. Ich will, dass meine Kinder glücklich sind. Ich kann für sie da sein, auch wenn ich physisch nicht immer präsent bin. Aber ich muss nicht die schönsten und klügsten Kinder der Welt haben. Ich will nicht auf der untersten Sprosse der Karriereleiter stecken bleiben. Ich kann - und ich darf - da höher hinauf. Aber ich muss nicht. Ich will mir auch als berufstätige Mutter Zeit für mich selbst nehmen. Ich kann mich im Spiegel anschauen, ohne meinem Vor-Schwangerschafts-Körper nachzuweinen. Aber ich musste nicht schon vier Wochen nach der Geburt wieder so aussehen. Um ganz ehrlich zu sein: Wer alles haben können will, braucht eine gesunde Portion Egoismus, darf nicht zu perfektionistisch sein und ein bisschen «Leckt mich am Arsch»-Mentalität schadet auch nicht. Die Bedürfnisse meiner Kinder sind wichtig. Aber meine auch. Und ich habe null Bock, meine immer und in jeder Lebenslage hinter ihre zu stellen. Meine Kinder sind nicht perfekt. So what? Ich bin es auch nicht. Ihr findet meine Tochter verwöhnt, meinen Sohn frech und mich eine Rabenmutter? Leckt mich am Arsch!

Liebe Frau Deltenre, man kann Kinder und Karriere durchaus miteinander vereinbaren. Man muss nur wollen - und vor allem muss man wollen dürfen! Und liebe Frau Hunziker, normale Frauen passen vier Tage nach der Geburt nicht in so ein Kleidchen, und wenn doch, hoffen sie darauf, dass der Milcheinschuss gnädig ist und keine Flecken hinterlässt. Und vor der Kamera sehen sie meisten Frauen so kurz nach der Geburt einfach nur Scheisse aus. Trotzdem ist es völlig okay, wenn Sie so bald wie möglich wieder gertenschlank arbeiten gehen wollen und können. Aber wir normalen Frauen sollten uns bewusst sein, dass wir das nicht müssen.

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