Der ganz normale wahnsinn

Der ganz normale Wahnsinn

Kids und Job unter einen Hut bringen? Easy! Oder doch nicht?

Von Staatskindern, Wahlfreiheit und Kraftausdrücken

Es ist an der Zeit, dass Familienbloggerin Sandra C. sich mal wieder politisch äussert. Am 24. November stimmen wir über die Familieninitiative der SVP ab. Und die Bloggerin ist - recht untypisch - etwas unentschlossen.
Familienstress
© Getty Images

Weniger Steuern für Eltern, die ihre Kinder zu Hause betreuen und nicht arbeiten gehen? Sandra C. ist sich noch nicht sicher, ob sie dafür oder dagegen ist.

Die SVP will, dass Eltern, die ihre Kinder zu Hause betreuen, dies von ihren Steuern abziehen können - analog dazu, dass die Fremdbetreuung von Kindern von den Steuern abgezogen werden kann. Grundsätzlich finde ich das absurd: Ich kann schliesslich auch kein Busbillett von den Steuern abziehen, wenn ich zu Fuss zur Arbeit gehe. Auf der anderen Seiten ist die Erziehung von Kindern die schwierigste und wichtigste Aufgabe überhaupt. Und diese Kinder werden ja hoffentlich irgendwann auch irgendwie für diesen Staat von Nutzen sein. 

Was mir extrem gegen den Strich geht, sind die schwachsinnigen Ideologien, mit denen wieder argumentiert wird. Nur schon der Name der Website der Befürworter der Initiative: www.staatskinder-nein.ch! Jetzt kommt schon, können wir mit dem Shit nicht mal aufhören? Kinder, die in Krippen und Horten betreut werden, sind keine «Staatskinder», denen irgendwelche skurrilen Ideen eingeimpft werden. Genausowenig wie Kinder, die ausschliesslich zu Hause betreut werden und erst im Kindergarten mit Gleichaltrigen in Kontakt kommen, asoziale Arschlöcher sind. Einfach damit ichs mal gesagt habe. Und jetzt hör ich auf mit den Kraftausdrücken. 

Die wichtigsten Anliegen der Befürworter:

- «Keine Diskriminerung von Familien, die ihre Kinder selbst betreuen.» 

Wenn wir ganz ehrlich sind, meinen wir hier mit «Familien» eigentlich «Frauen». Bezeichnend, dass SVP-Übervater Christoph Blocher Eltern, die ihre Kinder in Krippen und Horten betreuen lassen, mit Kuckucken vergleicht, die ihre Eier in fremde Nester legen. Selbstverständlich wäre Herr Blocher ja jederzeit bereit gewesen, zu Hause seine Kinder zu betreuen und auf seine wirtschaftliche und politische Karriere zu verzichten, wäre dies nötig gewesen, um die Kinder nicht «abschieben» zu müssen… Ob Frauen, die nicht arbeiten und dementsprechend weniger Steuern zahlen als arbeitstätige Frauen, diskriminiert werden, wenn sie die Kinderbetreuung nicht von den Steuern abziehen können? Ich weiss nicht… Meine Kinder besuchten eine kantonale Krippe, ich zahlte dem Kanton also jeden Monat über tausend Franken dafür, dass er zwei Tage pro Woche meinen Nachwuchs betreute. Und nahm mir die Freiheit, dies von den Steuern abzuziehen - schliesslich hatte der Kanton ja bereits einen beträchtlichen Betrag von mir erhalten.

- «Wahlfreiheit und Eigenbestimmung von Familien bei der Kindererziehung.»

Vergangenen März lehnten die Kantone den Verfassungsartikel über die Familienpolitik ab. Er hätte die Kantone in die Pflicht genommen, ein «bedarfsgerechtes Angebot an Plätzen für die familienergänzende Kinderbetreuung» zur Verfügung zu stellen. Sprich: bezahlbare Krippenplätze. Damit, liebe SVP, hätten wir tatsächlich von Wahlfreiheit und Eigenbestimmung sprechen können. Ich bin in der privilegierten Situation, mir die teilweise auswärtige Betreuung meiner Kinder leisten zu können. Viele Mütter bleiben nur deshalb zu Hause, weil es sich für sie nicht lohnt, ihren ganzen Verdienst in die Kinderbetreuung zu stecken. Oder weil sie gar nicht erst einen Krippenplatz finden. 

- «Gegen die Verstaatlichung von Familien und Kindern.» Soll ich mich dazu wirklich nochmal äussern? Staatskinder versus asoziale Arschlöcher. Sorry, ist mir so rausgerutscht. 

Am 24. November stimmen wir also über die Familieninitiative ab. Nationalrat, Ständerat und Bundesrat haben sich dagegen ausgesprochen. Der Verfassungsartikel über die Familienpolitik wurde abgelehnt. Die Kantone hatten keine Lust, für Staatskinder zu zahlen, die sie nichts angehen. Ich hätte nicht mal was dagegen, für zu Hause betreute Kinder zu zahlen, die mich nichts angehen. Ich zahle lieber für Kinder als für Militär-Spielereien wie gewisse Flugzügli. Dies nur so nebenbei. Und vielleicht lege ich ja am 24. November tatsächlich ein Ja in die Urne. Einfach um zu zeigen, dass ich nicht nachtragend bin. Dass ich drüber stehe, dass meine Kinder als Staatskinder bezeichnet werden und ich als Kuckuck. Vielleicht auch nicht.