Der ganz normale wahnsinn

Der ganz normale Wahnsinn

Kids und Job unter einen Hut bringen? Easy! Oder doch nicht?

Schweigen wäre Gold

«Reden ist Silber, Schweigen ist Kind.» Diesen grossartigen Titel entdeckte Sandra C. kürzlich in einem Eltern-Magazin und ärgerte sich, dass er nicht ihr in den Sinn gekommen ist. Nach einigem Nachdenken weiss die Familienbloggerin warum: Weil er auf ihre Kinder nicht wirklich zutrifft.
Kind mit Megafon
© iStockphoto

Sex, Menstruation, blöde Kollegen... Sandras Kinder sprechen dann darüber, wenn sie wollen. Und meistens dann, wenn alle mithören können.

«Wie wars heute in der Schule?» - «Gut.» - «Was habt ihr gemacht?» - «Nichts.» - «Wie nichts? Ihr müsst doch was gemacht haben den ganzen Tag?» - «Weiss nicht mehr.» Diese Art von Dialog kennen vermutlich alle Eltern. Meistens findet er am Tisch statt, beim Mittag- oder Abendessen. Dem Ort und der Zeit also, die von den meisten Profis in Sachen Erziehung als so unglaublich wichtig angesehen werden: Esst gemeinsam. Redet mit euren Kindern. Sucht den Dialog. Hört ihnen zu. Tauscht euch aus. Leider fallen die Bemühungen um einen Dialog am Esstisch dann eben so aus. Ergänzt noch mit: «Das sieht grusig aus, das esse  ich nicht!» oder «Mami, er schaut schon wieder so doof, ich will keinen Bruder mehr haben!»

Kinder funktionieren nicht auf Knopfdruck. Kinder reden gern und viel - aber dann, wann sie wollen. Und nicht dann, wenn wir das Gefühl haben, ihnen irgendwelche wertvollen Informationen aus der Nase ziehen zu müssen. (Das macht ja auch das Telefonieren mit Kindern so schwierig: «Was machst du gerade?» - «Telefonieren.» - «Äh ja, wie geht es dir?» - «Gut.» - «Was hast du heute gemacht?» - «Nichts.») Nun ja, zumindest meine Kinder haben ein untrügliches Gespür dafür, für Diskussionen und Fragen die unpassendsten Orte und Zeitpunkte auszusuchen. Mein Sohn wird zum Beispiel immer im Auto unglaublich gesprächig. Was zu umgekehrten Dialogen wie denen am Esstisch führt: «Mami, Luca war heute gemein zu mir.» - «Was hat er denn gemacht?» - «Er hat einfach meinen Ball genommen und dann hab ich das der Frau Huber gesagt und er hat gesagt ich lüge und Frau Huber hat gesagt und er hat gesagt und ich habe gesagt undsoweiterundsofort. Mami? Warum sagst du nichts?» - «Ich muss mich auf die Strasse konzentrieren. Idiot!» - «Wer, Luca?» - «Nein, der da vorne!» - «Aber Luca auch, weil der hat den Ball immer noch nicht zurückgegeben und das muss er doch und du musst seine Mutter anrufen undsoweiterundsofort...» Als wir kürzlich in die Ferien flogen, hat er es geschafft, dreieinhalb Stunden lang nonstop durchzuquatschen. So wissen jetzt alle, die einigermassen in Hörweite von uns sassen, ziemlich gut Bescheid über so ziemlich alles was unser Sozial- und Familienleben betrifft.

Auch meine Tochter sucht das Gespräch zu wichtigen Themen vornehmlich an den unpassendsten Orten. Zum Beispiel an der Migroskasse, vor uns eine Gruppe halbwüchsiger Jungs, hinter uns eine verkniffene alte Dame und eine endlose Schlange. «Was ist das?» Sie greift sich die Packung Tampons vom Band - dabei habe ich sie extra unter einem Sack Rüebli versteckt. «Ähm, Tampons.» - «Wofür braucht man die?» - «Du weisst doch, dass Frauen alle paar Wochen mal bluten da unten. Die saugen das Blut auf.» - «Was? Du musst lauter sprechen, ich versteh dich nicht. Und wo kommen die denn rein? Da unten?» Fängt hysterisch an zu kreischen: «Ich will da unten nicht bluten. Und ich will da nichts reinschieben!» Die Teenager vor uns fangen zu grölen an, der Blick der Dame hinter uns bohrt sich anklagend in meinen Rücken. «Können wir nachher darüber reden?» - «Nein, ich will das jetzt wissen. Warum blutet das da unten?»

Für die Fortsetzung dieses Gesprächs suchte sie sich ein vollbesetztes Restaurant aus. Es begann ganz harmlos: «Mami, wie alt warst du, als ich auf die Welt kam?» - «28.» - «Aha. Gell, ab 25 kann man Kinder bekommen.» Wie kommt sie denn auf die Idee? «Nein, Schatz, man kann schon einiges vorher Kinder bekommen.» - «Ab wann?» - «Ab dem Zeitpunkt, wo du deine Tage bekommst. Wir haben doch kürzlich darüber gesprochen, in der Migros.» - «Und wann bekomm ich die?» - «Das kann ich dir nicht genau sagen, aber vermutlich in den nächsten zwei, drei Jahren, vielleicht sogar vorher.» Sie, sehr geschockt und sehr laut: «Ich will aber in zwei Jahren nicht schwanger werden!» Wie auf Kommando drehen sich diverse Köpfe in unsere Richtung, die Ausdrücke auf den Gesichtern irgendwo zwischen schockiert und amüsiert. «Pssst, nicht so laut. Du wirst doch nicht einfach so schwanger, wenn du deine Tage bekommst. Dafür musst du Sex haben.» Sie, leider nicht wirklich leiser als vorher: «Sexen? Wäh! Das mach ich ganz bestimmt nicht!» (Ok, ich erinnere dich gegebenenfalls daran!) Aber das beste kommt noch! Vollkommen geschockt starrt sie mich an, die Augen weit aufgerissen: «Du hast gesexet! Zweimal!» Die Gespräche an den umliegenden Tischen sind längst verstummt, einige starren auf ihre Teller, andere verkneifen sich ein Lachen. «Nun ja, sonst gäbe es dich nicht. Und deinen Bruder auch nicht.» - «War das wirklich nötig, das zweite Mal? Einmal hätte doch gereicht.» - «Ähm, ja, weisst du, das mit dem Sex, das ist nicht nur ausschliesslich zum Kinder machen... Ah, da kommt das Essen. Willst du Parmesan zu deinen Spaghetti?»

Nun, um weitere Peinlichkeiten zu vermeiden, versuchte ich, den dritten Teil der Diskussion in den heimischen vier Wänden zu erzwingen. Ihr ahnt vermutlich, dass das nicht wirklich geklappt hat. «Weisst du noch, als wir letzthin über Sex gesprochen haben?» - «Ja.» - «Möchtest du noch etwas dazu wissen?» - «Nein.» - «Du weisst, dass du immer fragen kannst, gell?» - «Ja.» - «Weisst du, Sex ist etwas Schönes, wenn man jemanden gern hat. Aber man darf nie jemanden dazu zwingen oder überreden. Wenn jemand das versucht, hat er dich nicht wirklich gern.» - «Hats noch von den kleinen Schoggi-Desserts? Darf ich eins haben?» Tja, je nach Situation ist Schweigen eben doch Kind. Auch bei uns.

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