Der ganz normale wahnsinn

Der ganz normale Wahnsinn

Kids und Job unter einen Hut bringen? Easy! Oder doch nicht?

Von Willen, Ehrgeiz und vom Lernen, wie man lernt

Die Kinder haben Ferien. Also lernfreie Zeit. Eigentlich. Aber Kinder lernen immer, ob in der Schule oder in der Freizeit. Dabei hat Sandra C. über die Jahre festgestellt, dass nicht immer alles so ist, wie es scheint. So fiel der Tochter der Familienbloggerin ­ im Gegensatz zu ihrem Sohn ­ immer alles sehr leicht. Und dabei hat sie nie gelernt, zu lernen.
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Wie lehrt man einem Kind das Lernen?

Kinder lernen vom ersten Tag ihres Lebens an. Meistens nehmen wir das gar nicht so wahr. Zumal es sich am Anfang fast immer um Dinge handelt, die jedes Kind früher oder später lernt. Laufen, sprechen, aufs WC gehen, lesen. Meine Tochter war von ganz klein auf eines der Kinder, denen alles ein bisschen leichter fiel als anderen. Mit zehn Monaten konnte sie laufen, mit etwas über einem Jahr bildete sie ganze Sätze, mit 18 Monaten brauchte sie keine Windeln mehr. Skifahren konnte sie vor ihrem zweiten Geburtstag, schwimmen vor dem dritten, lesen vor Schuleintritt. Sowohl sie als auch ich waren uns also lange gewohnt: Lernen? Easy! Zwei, drei mal versuchen, passt. Klappt von selbst.

Bei meinem Sohn sahs dann schon ein bisschen anders aus. Während Laufen und Sprechen zwar nicht ganz so früh wie bei seiner Schwester funktionierte, aber immer noch recht zügig, ahnte ich bereits beim Thema Windeln, bzw. windelfrei, bzw. WC, dass bei ihm nicht alles so reibungslos verlaufen würde. Er war fünf, als er endlich tagsüber keine Windeln mehr brauchte ­ und ich in den Jahren davor öfter mal der Verzweiflung nahe. Gleich verhielt es sich mit dem Lesen: Anfang der zweiten Klasse, als seine Schwester bereits «Der kleine Wassermann», «Kleine Hexe» und «Das kleine Gespenst» gelesen hatte, kriegte er kaum zwei Sätze hin. Er reihte nach wie vor Buchstaben aneinander und verstand nichts von dem, was er gelesen hatte. Wie damals bei den Windeln, war es ihm schlicht und einfach egal. Warum auch aufs Klo, wenn man in die Windeln machen kann? Warum auch lesen, wenn man immer jemanden findet, der einem vorliest?

Bis vor etwa zwei Jahren waren die Rollen, was das Lernen betrifft, also relativ klar: Kind 1: fällt alles in den Schoss. Kind 2: Hat Mühe, gibt sich keine, steht eh immer im Schatten der grossen Schwester. Dann kam die Sache mit dem Velofahren. Meine Tochter hatte sich nie dafür interessiert, was nie jemandem wirklich auffiel, wir sind keine Velofahrer­-Familie. Dann bekam Junior eins zum fünften Geburtstag, setzte sich drauf und fuhr los. Einfach so. Ohne Stützräder. Die Grosse sah das, dachte, was der Kleine könne, sei eh kein Problem für sie, holte auch ihr Fahrrad aus dem Keller ­ und erwies sich als total talentfreie Zone! Es war das erste Mal, dass sie etwas nicht auf Anhieb konnte. Es war das erste Mal, dass ihr kleiner Bruder etwas besser konnte als sie. Und es war das erste Mal, dass sich ein Lern­muster zeigte, das sich später immer wieder wiederholen sollte (und das ich heute verzweifelt zu durchbrechen versuche): Nach dem dritten Versuch gab sie auf. «Ich kann das nicht!» ­ «Man muss eben üben.» ­ «Ich will nicht!»

Je länger, je mehr stellte sich heraus, dass meine Tochter eben gerade dadurch, dass ihr alles immer in den Schoss gefallen war, etwas nie entwickelt hatte: Ehrgeiz. Ich bin mir bis heute nicht sicher, ob das tatsächlich daran liegt, dass sie nie für etwas kämpfen bzw. üben musste, oder ob das einfach in ihrem Charakter liegt. Vermutlich beides. Dabei ist ihr ­ im Gegensatz zu ihrem Bruder ­ nicht völlig egal, ob sie etwas kann oder nicht. Sie hat einfach keine Lust, mehr dafür zu tun, als unbedingt notwendig. Das gilt für die Schule genauso wie für Hobbys und Sport. Mit einer einzigen Ausnahme: Klavierspielen. Darüber drückt sie sich aus. Sie spielt, wenn sie besonders fröhlich ist, sie spielt, wenn sie traurig ist. Ich musste ihr noch nie sagen, sie müsse üben. (Könnte sich das Kind nicht über Mathe ausdrücken? Oder über Französisch? Das würde vieles vereinfachen!)

Mein Sohn ist da anders. Im Gegensatz zu seiner Schwester, die sich für alles interessiert ­ aber eben für nichts genug, um sich wirklich reinzuhängen, ­ interessiert er sich genau für zwei Dinge: Sport und alles, was mit Bauen zu tun hat (vornehmlich Lego). Und entwickelt in diesen Dingen einen Ehrgeiz, wie ich ihn selten gesehen habe (again: warum kann sich das Kind nicht fürs Lesen interessieren? Oder fürs Schreiben?) So verbringt er momentan Stunden auf dem Eisfeld, ­ auch wenn sonst kein Mensch dort ist,­ und übt den perfekten Schuss aufs Eishockeytor. Vor drei Jahren fing meine Tochter mit dem Snowboarden an. Sie machte dies, wie sie eben alles tut: Nach dem dritten Mal Hinfallen hatte sie keine Lust mehr. Ein Jahr später fing der Kleine damit an. Und auch er tat es so, wie er die wenigen Dinge tut, die er wirklich will: Mit einer Art von Ehrgeiz, die ich nur bewundern kann. Morgens um acht, bevor die Lifte liefen, fuhr er den Hang vor unserem Haus runter und lief wieder hoch. Wieder und wieder. Um Punkt neun Uhr fuhren wir mit der ersten Bahn den Berg hoch ­ während die Grosse noch schlief. Er fiel um, er fluchte, er heulte, er warf Helm und Handschuhe von sich, er stand wieder auf, er fuhr weiter. Nun, vor einigen Tagen sagte ich also meiner Tochter, wir würden ihr Snowboard wieder zurückbringen, wenn sie nicht mehr fährt ­ was für mich auch völlig in Ordnung ist. Das wollte sie dann doch nicht. Wir gingen also auf die Piste ­ und ich stellte fest, dass sich gar nichts geändert hatte. «Ich kann das nicht!» ­ «Doch du kannst. Wir fahren da jetzt runter.» ­ «Ich will nicht!» ­ «Dann läufst du halt!»

Dem kleinen Bruder dabei zuzusehen, wie er Tricks in der Halfpipe performt und selbst daneben den Hügel runterzurutschen, ist Scheisse, das geb ich zu. Irgendwann sagte ich zu dem Häufchen Elend in meinem Schlepptau: «Hör zu, du kannst so viele Sachen so gut. Du musst das nicht machen. Aber wenn du sagst, du willst das, musst du üben. Wie Mathe. Wie Französisch. Wer übt, hat bessere Noten. Wer übt, kann es irgendwann.» Wir sind dann nach Hause. Sie überlegt sich jetzt, ob sie wirklich Zeit und Energie ins Snowboarden investieren will, oder ob sie aufhört. Warum ich das alles so ausführlich erzähle? Um zu zeigen, dass eben auch bei Kindern nicht immer alles so ist, wie es scheint. Diejenigen, denen alles immer leicht fällt, lernen nicht, zu lernen. Und früher oder später wird das ein Nachteil sein, ­ was meine Tochter immer öfter auf die harte Tour erfährt (und ich mit ihr). Diejenigen aber, die sich gewohnt sind, dass nicht immer alles von Anfang an klappt, können einen erstaunlichen Willen entwickeln ­ und der kommt ihnen irgendwann zugute.

Manchmal wünschte ich mir, ich könnte meine Kinder mixen: Wenn meine Tochter nur ein bisschen vom Ehrgeiz ihres Bruders abbekommen würde, und mein Sohn etwas vom vielseitigen Interesse seiner Schwester, wären die beiden total perfekt! Aber eben ­ wer will schon perfekte Kinder? Ich nicht. Sonst hätte ich ja nichts mehr zu schreiben in diesem Blog.

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