Der ganz normale wahnsinn

Der ganz normale Wahnsinn

Kids und Job unter einen Hut bringen? Easy! Oder doch nicht?

Kinder sind peinlich

Als Eltern hat man das Gefühl, vor Scham in den Boden versinken zu wollen, quasi gepachtet, weiss Familienbloggerin Sandra C. Denn was in Anekdoten jeweils so lustig daherkommt, ist im Alltag meist einfach nur peinlich.

Am Schlimmsten ists im Lift. Wann immer es geht, vermeide ich es, mit meinen Kindern zusammen mit Unbekannten in einen Lift zu steigen. Es gibt keine Fluchtmöglichkeit, und so zu tun, als ob es nicht meine Kinder wären, geht auch nicht. (Beim klassischen Tobsuchtsanfall vor dem Spielwaren-Regal in der Migros funktioniert das hingegen sehr gut.) Und wo soll ich, bitte sehr, hinsehen, wenn meine Tochter - damals gut vier Jahre alt - gleich nach dem Schliessen der Lifttüre sehr, sehr laut sagt: «Schau, Mami, die dicke Frau!»? Lügen - «die Frau ist doch nicht dick» - ist in dem Fall schwierig, da auch für eine Vierjährige offensichtlich gelogen. Also ignorieren und auf den Boden starren. «Maaaaaaami! Hast du sie gesehen? Die dicke Frau?» Jetzt hilft nur noch beten. «Unser Fahrstuhl, der du fährst gen Himmel, geheiligt sei dein Name, aber nur, wenn in diesem Moment die Lifttüre aufgeht, ich beide Kinder beim Arm packen und aus dem Lift rennen kann...» Es kam allerdings auch schon vor, dass der Unbekannte, mit dem wir Lift fuhren, fluchtartig - und leicht beleidigt - den Fahrstuhl verliess. Mein Sohn, als Dreijähriger total autobesessen, wollte von seinem Gegenüber wissen: «Was hast du für ein Auto?» «Einen VW», meinte der. Worauf mein Dreikäsehoch mit den Schultern zuckte und verächtlich meinte: «Macht nichts, du kannst dir ja später mal einen Mercedes kaufen.»

Meist tröste ich mich damit, dass ich die Leute, die meine Kinder so im Alltag beleidigen, kaum je wieder sehe. Nicht so die Frau im Elektro-Rollstuhl, die mein Sohn auf dem Spielplatz fragte, ob er mal eine Runde auf ihrem Rasenmäher drehen dürfe. Zwei Wochen später wurde meine Tochter eingeschult - und die Frau mit dem «Rasenmäher» entpuppte sich als Mutter einer ihrer Schulkolleginnen. Fast so schlimm wie Fahrstühle sind heikle Anlässe wie Beerdigungen. Dass Sohnemann den Pfarrer fragte, warum er einen Rock trage, war ja noch lustig. Schwieriger wurde es, als meine Tochter - gleich neben ihm stehend, und natürlich wie immer sehr laut - mir erklärte, dass «der im Rock eigentlich ganz nett ist, obwohl er Hochdeutsch redet.» (Nein, wir lästern zu Hause nicht über die Deutschen. Ehrenwort!) Ganz schwierig wurde es, als sie über dem Grab ihrer Urgrossmutter eine ganze Tasche voll Zeichnungen auskippte, was für die, welche weiter hinten standen, aussehen musste, als entleere sie ihren Müll über dem offenen Urnengrab. Den Höhepunkt erreichten wir dann während der Abdankung, als mein Sohn durch die Kirche rief: «Ich hab Hunger! Können wir jetzt zu McDonalds?» 

Glücklicherweise fragt auch der Vater meiner Kinder immer zweimal nach, bevor er etwas glaubt, was sie erzählen. Zum Beispiel, als meine Tochter ihm sagte, der Zahnarzt sei in meinem Bett gewesen. Dies nachdem ich mich beklagt hatte, der Zahnarzt habe mich morgens um sieben geweckt - er hatte dann angerufen, um einen Termin abzusagen. Das fand ich also weit weniger schlimm, wie als sie über den ganzen Spielplatz brüllte: «Mami, zieh deine Hose rauf, man sieht dein Fudi!» oder als sie im Zug meinte: «Du darfst hier nicht furzen!» (Mein Schuh hatte auf dem Boden geknirscht. Ehrlich!) Peinlich berührt bin ich auch immer dann, wenn meine Kinder Wildfremde auf gewisse meiner Gewohnheiten aufmerksam machen. Zum Beispiel in den Ferien: «Glacé gibts da, wo wir jeden Abend Apéro nehmen.» Es kam im Übrigen auch schon vor, dass ich vor lauter Peinlichkeit eine fremde Toilette putzte - mein damals vierjähriger Sohn hatte versucht, ins Pissoir zu pinkeln. Da fällt mir ein - ich sollte dringend mit dem Auto in die Waschanlage. Mein Sohn versuchte letzthin, im Parkhaus die Tür eines fremden Autos zu öffnen, als der Besitzer kam, und zu ihm sagte: «Das ist das falsche Auto, junger Mann.» Darauf er: «Stimmt. Das von Mami ist ja dreckig!»

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