Der ganz normale wahnsinn

Der ganz normale Wahnsinn

Kids und Job unter einen Hut bringen? Easy! Oder doch nicht?

Ein paar Worte über «die heutige Jugend»

Sandra C. sass kürzlich im Zug neben zwei Frauen, die sich darüber unterhielten, dass «die Jungen heutzutage nur noch am Handy und am Computer sitzen» und dort «weiss ich was für Zeug» konsumieren. Die Familienbloggerin musste lachen - zum Glück. Denn im Fall ihrer Kinder sind «weiss ich was für Zeug» Dinge, die sie selbst in dem Alter zum Gähnen gefunden hätte. 
Kinder Teenager Handy
© iStock

Sandra C. findet die Dinge, die Kids an ihren Handys machen, gar nicht so spannend. 

«Die heutige Jugend» ist ja für die Generationen über ihr immer irgendwie schwer zu verstehen. Meine Eltern verstanden nicht, dass ich mir Löcher in die Jeans schnitt (weil sie mir keine kaufen wollten, in denen die Löcher schon drin waren!) und in einem gewissen Alter «dieses Pop-Gepiepse» (O-Ton mein Vater) gegenüber gutem, handgemachtem Rock bevorzugte.

Ich verstehe nicht - und da muss ich den beiden Frauen im Zug teilweise recht geben -, dass man vor der Schule whatsappen und nach der Schule facetimen muss, wenn man sich in der Schule den ganzen Tag sieht. Wer aber glaubt, die schreiben sich da «weiss ich was für Zeug» oder schicken sich Nacktbilder hin und her, täuscht sich gewaltig. Die Whatsapp-Chats meiner Tochter und ihrer Freunde klingen ungefähr so: «Hi», «hi», «wmd?» («was machst du?»), «nichts. du?, «auch», «omg war die schule wieder scheisse heute», «ja», kurze pause, «wmd?», «nichts», «mir ist langweilig», «mir auch», «mir ist noch langweiliger als dir» (was ich angesichts der anstehenden Englisch- und Französisch-Tests und des unfertigen Vortrages irgendwie nicht so recht nachvollziehen kann).

Ich frage mich grad, was ich eigentlich jeweils gemacht habe, wenn mein Vater mir die Frage stellte, die ich als Teenager genauso hasste wie sie meine Kinder jetzt hassen: «Und wann gedenkst du deine Hausaufgaben zu machen?÷ Heftli gelesen, Musik gehört, einfach «rumgehangen» - Handy und Computer hatten wir damals noch nicht. Aber die Art, wie wir unsere Zeit verbrachten, ging unseren Eltern damals trotzdem auf die Nerven. Soooo viel hat sich also gar nicht geändert. Es ist ein Fakt, dass «die heutige Jugend» viel Zeit online verbringt (genau wie die heutigen Erwachsenen auch…). Und die Realität ist, dass ein guter Teil ihres Soziallebens dort stattfindet. Den Konsum massiv einzuschränken oder gar zu verbieten, käme einem Verbot gleich, die Freunde zu treffen. Ausserdem haben viele wirklich falsche Vorstellungen davon, was Kids in dem Alter gut finden - egal ob on- oder offline. Pornos, Horrorfilme, Ballerspiele? Im Gegenteil! Die meiste Online-Zeit verbringen sie auf Youtube «mit» ihren Stars. Die heissen Dagi Bee, Bibi oder Emrah und machen ganz profane, alltägliche Dinge. Sie schminken sich, kochen, backen und basteln. Emrah, der derzeitige Liebling meiner Tochter, zeigt zum Beispiel, was man aus Alltagsgegenständen basteln oder aus Resten kochen und backen kann. Und sie und ihre Freunde (auch die Jungs!) backen und basteln die Sachen nach, gemeinsam oder allein. So hat mein Töchterlein letzthin zum Beispiel ganz fantastische Onion Rings gemacht.

Wie gesagt, ich kann mich nicht mehr so richtig erinnern, was ich in dem Alter jeweils in meiner Freizeit gemacht habe, wenn ich nicht gerade bei einem meiner Hobbys war. Aber eines weiss ich ganz sicher: Es wäre mir niemals in den Sinn gekommen, sie mit Kochen, Backen oder Basteln zu verbringen. Für mich gabs damals wohl nicht viel Langweiligeres als das, was die Kids von heute cool finden. Ach, und lieber Emrah, wenn du das hier liest: Könntest du nicht mal in einem deiner Clips erzählen, wie unglaublich geil es ist, Hausaufgaben zu machen? So langsam kann ich diese Cakepops nämlich nicht mehr riechen. 

Im Dossier: Alle Familienblogs von Sandra C.http://www.schweizer-illustrierte.ch/blogs/der-ganz-normale-wahnsinn