Der ganz normale wahnsinn

Der ganz normale Wahnsinn

Kids und Job unter einen Hut bringen? Easy! Oder doch nicht?

Kinder und Karriere? Ja, aber ...

All diejenigen, denen schon berufstätige Mütter ein Dorn im Auge sind, müssen jetzt gar nicht weiterlesen. Sie regen sich sonst zu sehr auf. Es geht in diesem Blog nämlich um Mütter, die richtig Karriere machen wollen. Geht das? Ja, wenn man alles richtig durchplant. Und nicht im ungünstigsten Augenblick schwanger wird, wie Familienbloggerin Sandra C.

Ich war 28 als meine Tochter zur Welt kam. Rückblickend war das rein karrieretechnisch das Blödeste, was mir je passiert ist. Ich hatte gerade eine Weiterbildung abgeschlossen, war schon ein paar Jahre im Job und in der Firma, und hatte tatsächlich die Chance auf eine Beförderung. Kurz vor dem Bewerbungsgespräch hielt ich den positiven Schwangerschaftstest in der Hand. Für alle Beteiligten war klar, dass ich jetzt für eine Führungsposition nicht mehr in Frage kam. Für mich selbst auch. Heute, neun Jahre später, frage ich mich manchmal, warum. Wäre ich ein Mann, hätte mir das vermutlich sogar bessere Chancen auf den Job eingeräumt - schliesslich hätte ich ab sofort eine Familie zu ernähren gehabt. Aber klar, vor dem ersten Kind war ich unsicher, hatte keine Ahnung, was auf mich zukam. Und es gab auch niemanden, der mir gesagt hätte: «Kind und Karriere? Klar geht das! Los, mach!» Alles, was ich zu hören kriegte, war: «Wenn du ein Kind hast, kannst du in der Firma nicht so viel Verantwortung übernehmen. Stell dir mal vor, das Kind wird krank...»

Ja, stell dir mal vor, das Kind wird krank. Und dann? Stell dir mal vor, lieber Single-Mann-der-besser-zum-Chef-taugt, du läufst vors Tram? Oder holst dir an einer Party eine Alkoholvergiftung? Fakt ist: Die Anzahl Frauen in Schweizer Chefetagen ist immer noch bescheiden. Die Anzahl Mütter sowieso. Dabei kann einem Chef eigentlich nichts Besseres passieren als eine Mutter in einer Führungsposition. Schliesslich bringen wir jede Menge Erfahrung mit. Wir tun daheim ja nichts anderes, als Leute zu führen - auch wenn diese Leute klein sind. (Die sind aber mitunter schwerer in den Griff zu kriegen als Grosse...) Wir können verhandeln, multitasken, Prioritäten setzen, mit Kritik umgehen. Und: Wir schätzen es, wenn man uns eine Chance gibt. Weil das noch immer nicht so selbstverständlich ist, wie es sein sollte.

Wie so oft sind wir Frauen und Mütter nicht ganz unschuldig an dieser Situation. Selbst wenn wir gern Karriere machen würden, trauen wir uns das nicht zu. Oder wir trauen uns nicht, es laut zu sagen. Weil wir sofort als Rabenmütter abgestempelt werden. Und hier kommt ein weiteres Dilemma dazu: Bevor ich Mutter wurde, hatte ich keine Ahnung, was und wie viel ich mir und meinen Kindern zumuten kann. Jetzt weiss ich es. Aber jetzt ist es zu spät. Wäre ich nämlich damals in eine Führungsposition befördert worden, und erst ein, zwei Jahre später Mutter geworden, hätte man mich von dort nicht einfach wegbefördern können. Aber da hinzukommen wird mit jedem Kind schwieriger. «Vor einem Baby ist die beste Zeit, Karriere zu machen», schreibt Facebook-COO Sheryl Sandberg in ihrem Buch «Lean In», in dem sie Frauen dazu ermuntert, in die Chefetagen aufzusteigen. Sie hat recht. Wer sich vor einer Schwangerschaft eine Karriere zutraut, kann das auch danach. Wenn man merkt, dass es nicht geht, kann man immer noch die Notbremse ziehen. «Frauen, gebt Gas im Job, gerade wenn ihr ein Baby plant. Nur so habt ihr die Chance, eine echte Entscheidung zu treffen, wenn es soweit ist», sagt Sandberg. 

Jahre später hatte ich wieder die Chance auf eine Führungsposition. Und diesmal wollte ich sie. Ich hab sie nicht gekriegt. Zu sagen, das sei deshalb, weil ich Mutter bin, wäre zu einfach. Ich habe mich während all der Jahre ja kaum getraut, mal um eine Lohnerhöhung zu fragen. Da ists wohl wenig verwunderlich, wenn man mir nicht ganz abnimmt, wenn ich plötzlich «Ich will!» schreie. Dass ich nicht befördert wurde, ist nicht so tragisch. Wichtig ist, was ich daraus gelernt habe. Ich musste 37 werden, um laut sagen zu können: «Ich will! Und ich kann! Und es ist mir völlig egal, was irgend jemand darüber denkt!» Ich bin niemandem Rechenschaft schuldig darüber, wie ich mein Leben lebe. Ausser mir und meiner Familie. Und die ist jeweils ganz froh, wenn die Arbeit mich fordert. Dann bin ich zu Hause nämlich nachsichtiger.

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