Der ganz normale wahnsinn

Der ganz normale Wahnsinn

Kids und Job unter einen Hut bringen? Easy! Oder doch nicht?

Die Krux mit dem kranken Kind

Die Emotionen gingen hoch vergangene Woche. Thema: Kranke Kinder, die von ihren Eltern in der Kita abgegeben werden, obwohl sie richtige kleine Virenschleudern sind, und ein Arbeitgeber-Direktor, der im «Blick» meinte, Eltern sollen sich auf solche Fälle vorbereiten und sich generell organisieren. Protestgeheul von allen Seiten. So Unrecht hat Roland Müller gar nicht, findet Familienbloggerin Sandra C. Leider vergisst er ein kleines Detail: Vernunft ist nie eine Option, wenn es um die eigenen Kinder geht. 
Krankes Kind Arbeitsrecht Schweiz Blog Familienblog Sandra C.
© Getty Images

Die Krankheit eines Kindes lässt sich nur schwer planen und dauert - im Falle einer Grippe - auch länger als drei Tage.

Natürlich wäre es am besten, man würde sich bereits in der Schwangerschaft auf jede nur erdenkliche Situation vorbereiten, die irgendwann irgendwie eintreten könnte. Und in der heutigen Zeit ist das ja auch ein bisschen so: Man plant den Kaiserschnitt so, dass man selbst noch die wichtigsten Mails beantworten kann und dass der Papa dabeisein kann, ohne das nächste Meeting zu verpassen. Man meldet das Kind schon vorgeburtlich zu Englisch-Chinesisch und Tennis-Lektionen an, damit es später die besten Voraussetzungen hat. Und zum Yoga, damit es lernt, in unserer - in seiner - hektischen Welt ein bisschen runterzukommen. Krank sein ist in dieser nicht vorgesehen. Deshalb wird das wertvolle Kind bereits im Herbst mit Vitaminen in Pillenform vollgestopft und sobald das Thermometer eine einstellige Zahl anzeigt, wird es in den hippen Skianzug gesteckt.

Und da Kranksein in dieser verplanten Welt eben nicht vorgesehen ist, IST das Kind dann auch nicht krank. Und wird in die Kita gebracht, Hustenanfall hin, rinnende Nase her. Dabei muss aber eines gesagt werden: Es ist manchmal wirklich nicht so leicht für Eltern, herauszufinden, ob das Kind tatsächlich krank ist oder nicht. Kleinere Kinder nennen nämlich so ziemlich alles, was sie stört, «Bauchweh» - ob das nun tatsächliche Schmerzen sind oder der gestrige Streit mit der besten Kindergartenfreundin. Und ganz ehrlich: Bei dem Zeug, das gewisse Kinder so den ganzen Tag in sich reinstopfen, würde ich auch kotzen! So muss ich gestehen: Ich habe meinen Sohn auch schon krank in die Kita gebracht. Ich dachte wirklich, seine «Schmerzen» seien irgendein Puff im Kindergarten - er hatte eine Mittelohrentzündung!

Das wirkliche Problem ist ja aber ein anderes: Eltern fürchten sich vor den Reaktionen der Chefs und Mitarbeiter, wenn sie wegen des Kindes zu Hause bleiben. Da geht es mir nicht anders, obwohl ich eigentlich weiss, dass niemand im Büro denken wird: «Ja super, die macht sich jetzt einen schönen Tag zu Hause, während das Kind schläft und wir hier schuften.» (Und falls das jemand denken sollte: Glaubt mir, ich würde sehr viel lieber im Büro in die Tasten hauen statt zu Hause Kotze aufwischen.) Aber da ich - wie viele andere Mütter auch - eh schon nur Teilzeit im Büro bin, habe ich ein schlechtes Gewissen, meine Kolleginnen und Kollegen hängen zu lassen. Ich meine, das Kind könnte ja nun wirklich an den Tagen krank sein, an denen ich im Homeoffice arbeite!

Aussagen wie die von Arbeitgeber-Direktor Müller, man empfehle Eltern «potenziell auftretende Betreuungsfälle im Voraus zu planen und generell zu organisieren» helfen nicht wirklich gegen das schlechte Arbeitnehmer-Gewissen. Auch wenn die Idee gar nicht so blöd ist. Klar wäre es gut, wenn man wüsste, dass im Krankheitsfall jederzeit jemand zur Verfügung steht, und im besten Fall hat man zwei bis drei Alternativen. Der Haken an der Sache: Alles, was mit dem eigenen Kind zu tun hat, ist selten ein rationaler Entscheid. Das fängt schon beim Kind selbst an. Wäre es das, wären wir schon längst ausgestorben - niemand entscheidet sich aus Vernunft dafür, jahrelang jemanden zu umsorgen und sich dumm und dämlich zu zahlen, um diesem regelmässig als Fussabtreter zu dienen und Schuld an allem zu sein, was in seinem Leben schiefläuft.

Kinderkriegen ist ein rein emotionaler Entscheid. Und wenn das Kind krank ist, ist das eben nicht anders - selbst wenn es per durchgeplantem Kaiserschnitt auf die Welt kam und sein Tagesablauf penibel durchgeplant ist mit Dingen, das es (nun wirklich nicht) braucht. Ein krankes Kind will bei Mami oder Papi sein, und nicht bei Babysitter a, b oder c - nicht einmal beim Grosi oder beim Götti. Und die Mutter oder der Vater eines kranken Kindes können sich im Büro kaum konzentrieren, wenn das Kind zu Hause die Bude vollkotzt - auch wenn sie rational gesehen recht froh darüber sind, weit weg von diesem Desaster zu sein.

Rechtlich gesehen darf ein Elternteil bis zu drei Tage zu Hause bleiben, um das kranke Kind zu pflegen. Wenn man davon ausgeht, dass eine durchschnittliche Grippe sieben Tage dauert, ist das genauso lächerlich wie zwei Tage «Vaterschaftsurlaub» nach der Geburt eines Kindes.

Im Dossier: Alle Beiträge von Familienbloggerin Sandra C.