Der ganz normale wahnsinn

Der ganz normale Wahnsinn

Kids und Job unter einen Hut bringen? Easy! Oder doch nicht?

Liebeskummer lohnt sich nicht

Liebe hat für die Tochter von Sandra C. weder mit Kummer noch mit irgendwelchen Bedingungen zu tun. Toll, findet die Familienbloggerin. Denn in der Kindererziehung gibt es Dutzende von Fehlern, die schlussendlich verzeihbar sind. Einem Kind das Gefühl zu geben, Liebe hange von seiner Leistung ab, ist es nicht.
Liebeskummer: Herzschmerz, der nicht aufhören will
© Getty Images

Liebeskummer? Kennt die Tochter von Sandra C. nicht. Noch nicht.

Letzte Woche hat sich eine Freundin bei mir ausgeheult. «Was hat sie denn?», will meine Tochter wissen. «Liebeskummer», sage ich. Meine Zehnjährige schaut mich an wie ein Velo. «Hä? Was ist denn das?» Ich fasse es nicht. Mein Fast-Teenie hat tatsächlich noch nie das Wort Liebeskummer gehört? Ich wage einen Erklärungsversuch: «Also, die Martina hat Angst, dass ihr Freund eine andere Frau lieber mag als sie.» Sie starrt mich verständnislos an. «Können die nicht alle drei Freunde sein?»

Ein paar Tage später erzählt sie mir von Tobi. Dieser Tobi ist von Kleinkindsbeinen an sozusagen per Definition ihr Freund. Sie werden heiraten, das ist klar, und auch die Wunschliste für ihre Hochzeit haben sie schon erstellt. (Die beiden Handys wurden allerdings wieder von der Liste gestrichen, sie haben je eines auf ihren letzten Geburtstag bekommen.) Also, sie erzählt eben, Tobi habe irgendwo am Boden ein Armand gefunden auf dem «I love you» steht. Und dieses Armband hat er ihrer gemeinsamen Freundin Anna geschenkt. «Und der war das so was von peinlich!», erzählt sie, und schmeisst sich weg vor Lachen. «Und das hat dir nichts ausgemacht, dass er das Armband Anna geschenkt hat und nicht dir?» - «Nein, warum?» - «Ist er denn nicht mehr dein Freund?» - «Doch.» Sie versteht überhaupt nicht, worauf ich hinauswill.

Für meine zehnjährige Tochter hat Liebe nichts mit Eifersucht zu tun. Auch nichts mit Exklusivität und Besitzansprüchen. Und das finde ich grossartig. Denn es zeigt mir, dass - auch wenn ich in Sachen Kindererziehung ganz sicher nicht über alle Zweifel erhaben bin - ich doch etwas sehr Wichtiges richtig gemacht habe: Meine Tochter (und ich hoffe, das gilt auch für meinen Sohn) knüpft Liebe nicht an Bedingungen. Weil sie weiss, dass auch meine Liebe zu ihr nicht an Bedingungen geknüpft ist. Weder an Schulnoten noch an irgend ein Verhalten. Selbstverständlich müssen gewisse Dinge Konsequenzen haben. Aber die dürfen meine Kinder niemals an meinen Gefühlen für sie zweifeln lassen. Nie im Leben würde ich meinen Kindern sagen, ich habe sie nicht mehr gern, sie seien keine «Lieben» oder ich sei enttäuscht von ihnen. «Jetzt findest du mich blöd», habe ich auch schon gehört, wenn ich wegen etwas geschimpft habe. Darauf gibt es nur eine einzige Antwort: «Nein, ich finde nicht dich blöd, sondern das, was du gemacht hast. Dich liebe ich über alles, selbst wenn du das Haus niederbrennst.» Also gut, der letzte Satz ist vermutlich nicht empfehlenswert, vor allem nicht gegenüber Buben zwischen sechs und zwölf Jahren, die allesamt pyromanisch veranlagt sind. Aber ihr wisst schon, was ich meine.

Ich hoffe sehr, meine bedingungslose Liebe wird mein Töchterchen irgendwann auch ein bisschen über ihren ersten Liebeskummer hinwegtrösten. Ich fürchte nämlich jetzt schon, dass Tobi ihr dereinst das Herz brechen wird. Dann wird meine Aufgabe sein - nachdem ich ihren Vater davon abgehalten habe, mit der Schrotflinte auf den armen Kerl loszugehen - ihr zu sagen, dass der blöde Typ sie gar nicht verdient hat. Sie daran zu erinnern, dass ein richtig guter Junge seine Liebe nicht davon abhängig macht, ob sie ihn beim Mathetest abschreiben lässt oder nicht. Aber die Liste mit den Hochzeitswünschen würd ich vorsichtshalber mal aufbewahren. Man weiss ja nie.

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