Der ganz normale wahnsinn

Der ganz normale Wahnsinn

Kids und Job unter einen Hut bringen? Easy! Oder doch nicht?

Von Girlgroups und Spinat

Dienstagabend. Gemeinsam mit einer Horde anderer Eltern, Grosseltern, Göttis und Gottis steht Sandra C. vor dem Zürcher Volkshaus und wartet, bis dieses eine Teenager-Flut ausspuckt. Von drinnen erklingt irgendwelches Einheitsbrei-Charts-Gesinge und ohrenbetäubendes Gekreische. Little Mix heisst die Girlgroup, die auch die Tochter der Familienbloggerin über alle Massen fasziniert. Diese versucht, dem Phänomen auf den Grund zu gehen. 
Little Mix
© Getty Images

Auf diese Girls fahren die Teenager ab: Little Mix aus England. 

Da steh ich also und betrachte erstaunt, was da so alles aus dem Volkshaus strömt, während ich auf meine Tochter und ihre Freundin warte. Es sind vor allem Mädchen, die meisten von ihnen sehr jung, teilweise total überschminkt und in viel zu engen Klamotten. (Da lobe ich mir doch die Vorliebe meiner Kleinen für Sackartiges ­- auch wenn sie schon wieder ein bisschen nachlässt). Vereinzelt tragen sie weisse, blinkende Kaninchenohren auf dem Kopf. Wunderbar, da weiss ich wenigstens, wonach ich Ausschau halten muss, denn ich fresse einen Besen, wenn sich meine Tochter keine solchen Dinger gekauft hat. Ah, da sind sie ja. Beide mit Geblinke auf dem Kopf, total verschwitzt und mit seligem Lächeln im Gesicht. «Wars gut?», frage ich. «Es war! der! Hammer!» «Habt ihr auch so gekreischt?» «Bisschen...» 

Schon als ich da auf die beiden gewartet habe, das frenetische Gekreische im Ohr, fragte ich mich, was diese Band in den Augen der Teenies eigentlich so cool macht. Als das Phänomen der Girlgroups mit den Spice Girls erstmals bewusst auftauchte, war ich bereits zu alt für solche Schwärmereien. Und mit den Boybands, die zuvor angesagt waren, konnte ich nicht besonders viel anfangen. «Warum findest du diese Little Mix eigentlich gut?», frage ich meine Tochter. «Weil sie gut singen können und cool sind.» ­«Und warum sind sie cool?» ­ «Na, weil sie eben einfach cool sind. Das kann man nicht erklären.»

Wahnsinnig hilfreich war das nicht. Ich versuche also, dem Phänomen im Netz auf den Grund zu gehen. Die Group-Girls heissen Jesy, Jade, Leigh­-Anne und Perrie, sind alle Anfang zwanzig und seit ihrem Sieg bei der englischen Castingshow «The X Factor» geht ihre Karriere ganz steil bergauf. Auf ihrer Homepage verkaufen sie nicht nur Shirts, Taschen und Tassen, sondern auch ein eigenes Parfum namens «Gold Magic». (Du meine Güte, ich hoffe, Töchterlein hat das noch nicht entdeckt. Mir hat schon gereicht, dass ich letzthin unter der Dusche völlig gedankenlos nach ihrem Duschgel griff, und erst beim Einschmieren merkte, dass das Zeug von einer ihrer Lieblings-­Bloggerinnen verkauft wird, «Tasty Donut» heisst und genauso riecht!)

Ich schau mir also die Homepage dieser Mädchen an. Den Erfolg der Spice Girls konnte ich mir ja noch einigermassen erklären. Das waren fünf Girls und jede war total anders. Eine war sporty, eine posh, eine scary, eine ginger, eine Baby ­- mit irgend einer konnte sich da jedes Mädchen identifizieren. Aber die vier hier sehen alle gleich aus. Tragen die gleichen Klamotten, sind gleich geschminkt. Perrie ­- der Liebling meiner Tochter ­- ist im Unterschied zu den anderen blond und blauäugig und trägt einen Nasenring (seit wann um alles in der Welt ist denn das wieder in?), damit hat sichs auch schon. Sie, so lese ich, war mal mit einem hübschen, beliebten Boyband­-Typen zusammen.

Klar wollen die Mädchen so sein wie sie. Wollen einen tollen, erfolgreichen Freund und selbst erfolgreich und berühmt sein. Aber warum ausgerechnet Little Mix? An der Musik kanns nicht liegen. Nicht, dass sie furchtbar schlecht wäre, aber die Songs klingen nicht besser und nicht schlechter als vieles andere auch, was so am Radio rauf und runter gedudelt wird. Vielleicht sind ja die Texte so gut? «Get your boy on his knees and repeat after me...» Äääähm, nope, das kanns nicht sein. Hoffe ich jedenfalls.

Irgendwie komme ich nicht wirklich weiter bei meinen Erklärungsversuchen. Vielleicht sind Girlgroups halt einfach wie Spinat: Man liebt sie oder man hasst sie, und keiner weiss so richtig, warum. Ich hör an dieser Stelle also auf, nach Erklärungen zu suchen, und schaue lieber nochmal nach meinem Girlie, das inzwischen selig schlummernd im Bett liegt. Mit blinkenden Hasenohren auf dem Kopf.

Im Dossier: Alle «Der ganz normale Wahnsinn»-Beiträge von Familienbloggerin Sandra C.