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Der ganz normale Wahnsinn

Mein Neujahrsvorsatz: Nie mehr ein schlechtes Gewissen

Sie ist wieder da, die Zeit der Neujahrsvorsätze. Und die sind ja jedes Jahr die gleichen. Mehr Zeit, weniger Stress, mehr Sport, weniger Ungesundes. Da sie weiss, dass nichts davon klappen wird, lässt unsere Familienbloggerin die Vorsätze Vorsätze sein – und konzentriert sich auf einen einzigen: Endlich dieses permanente schlechte Gewissen loswerden, das einen als Mutter ständig verfolgt.

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ZVG

Wenn man zum ersten Mal diese zwei rosa Striche auf einem Schwangerschaftstest sieht, rechnet man mit vielem. Dass sich aber mit so einem positiven Test ein Gefühl ins Leben schleicht, das man nie wieder ganz loswird, sagt einem niemand: ein latent schlechtes Gewissen. Es meldet sich schon in der Schwangerschaft regelmässig, vor allem, wenn man – wie ich – aus lauter Unsicherheit tonnenweise unnötigen Schrott liest. Ich habe ein Glas Wein getrunken, rohen Lachs gegessen, die Haare getönt, zu heiss gebadet, zu viel Zucker gegessen, zu wenig Gemüse, alles ganz schlecht fürs Baby. Und für mein Gewissen.

Dass ich trotz all dieser Fehltritte ein gesundes Baby zur Welt brachte, hätte mich eigentlich ein bisschen entlasten müssen. Aber mit der Geburt fängt es erst richtig an. Nur schon der Gedanke, mit dem Stillen aufzuhören, weil die ständig wunden Brustwarzen einfach zu fest weh tun, macht einen zur egoistischsten und schlechtesten Mutter der Welt. Wer das Baby nachts rumträgt, verwöhnt es, wer es schreien lässt, ist eine Rabenmutter. Nuggi? Geht nicht, macht krumme Zähne. Kein Nuggi? Das arme quengelnde Kind! Keine Regeln? Geht ja gar nicht, diese antiautoritäre Erziehung. Zu viele Regeln? Überfordern das Kind.

Und dann der Klassiker. Man bleibt zu Hause beim Kind? Zu faul zum Arbeiten. Man geht arbeiten? Rabenmutter – warum Kinder haben, wenn man sie nicht selbst erzieht?! Ich habe immer gearbeitet, und zwar recht viel und recht gern. Das schlechte Gewissen war mein ständiger Begleiter. Und das Gefühl, sowohl als Mutter als auch im Job immer und jederzeit 200 Prozent geben zu müssen, um meine nicht hundertprozentige Anwesenheit an beiden «Fronten» auszugleichen.

Wir haben auch einiges richtig gemacht

Das hat sich mit den Jahren zwar ein bisschen gelegt. Trotzdem meldet sich auch heute das schlechte Gewissen regelmässig. Mit jeder Tiefkühlpizza, die ich in den Ofen schiebe, statt frisch und vitaminreich zu kochen. Mit jedem «Ich habe jetzt keine Zeit, um mit dir ein Youtube-Video zu schauen». Mit jeder schlechten Franz-Note meiner Kinder, weil ich mich zu wenig drum kümmere, dass sie lernen. Mit jedem unnötigen Ramsch, den ich mir beim Shoppen aufschwatzen lasse, weil ich sie zu sehr verwöhne.

Aber wenn ich jetzt, am Ende dieses Jahres, meine Kinder ansehe, muss ich sagen: Ich habe jeden Grund, stolz auf diese beiden empathischen, selbstständigen, klugen, witzigen und einfach ganz tollen Kinder zu sein. Sicher haben ihr Vater und ich nicht alles richtig gemacht in ihrer Erziehung – aber offenbar doch einiges. Und fünfzehn Jahre sind genug. Deshalb, mein liebes schlechtes Gewissen, wird 2019 ohne dich stattfinden.

Und dann hab ich vermutlich ein schlechtes Gewissen, weil ich kein schlechtes Gewissen mehr habe.

am 27. Dezember 2018