Der ganz normale wahnsinn

Der ganz normale Wahnsinn

Kids und Job unter einen Hut bringen? Easy! Oder doch nicht?

#metoo? #notme!

Der einflussreiche Hollywood-Produzent Harvey Weinstein soll über Jahrzehnte seine Machtposition ausgenutzt haben, um Frauen sexuell zu belästigen, bis hin zur Vergewaltigung. Unter dem Hashtag #metoo quillt das Internet nun über mit Statements von Frauen, die behaupten, ähnliches erlebt zu haben. Sandra C. sieht solche Hashtag-Aktionen immer etwas kritisch. Und als Mutter einer Tochter und eines Sohnes fragt sich die Familienbloggerin: Was will ich meinen Kindern vermitteln, wenn es um dieses Thema geht?
Teaser-Bild Familienblog Sandra C. Symbolbild Sexuelle Belästigung
© Getty Images

Eine Frau wird an ihrem Arbeitsplatz ungewollt von ihrem Chef angefasst. (Symbolbild)

Angelina Jolie, Gwyneth Paltrow – es sind grosse Namen, die Harvey Weinstein sexuelle Belästigung vorwerfen. Über Jahrzehnte soll Weinstein, einer der einflussreichsten Produzenten Hollywoods, Frauen belästigt, genötigt und sogar vergewaltigt haben.

Dass Weinstein kein Einzelfall ist, zeigen Millionen von Frauen derzeit unter dem Hashtag #metoo in den Sozialen Medien. Sie erzählen, was auch ihnen passiert ist: Sexuelle Übergriffe, Nötigung, Vergewaltigung. Oft von Männern, zu denen ein gewisses Abhängigkeitsverhältnis besteht.

Bei einigen dieser Geschichten stockt mir der Atem. Aber bei mindestens genauso vielen nerve ich mich. Bei all denen, die sich darüber auslassen, dass sie ach so oft angebaggert werden, oder angestarrt, oder ihnen zu viele Komplimente über ihre Beine gemacht werden, aber nie über ihren Intellekt. Ich nerve mich, weil genau das passiert, was bei solchen Hashtag-Aktionen eben immer passiert: Der Kern der Sache, die wahre Aussage, wird so weit verwässert, bis das Ganze ins Lächerliche geht.

Bei Weinstein reden wir von sexueller Nötigung und Vergewaltigung. Das sind Verbrechen. Der Mann gehört ins Gefängnis! Auf der anderen Seite findet sich irgend ein armer Kerl, der einer Frau ein – vermutlich nett gemeintes Kompliment – machen wollte, und sich plötzlich in einem Topf mit einem mutmasslichen Vergewaltiger findet.

Man vergisst, wie sich Opfer echter sexueller Gewalt fühlen müssen

Was mich ärgert: Jede scheint auf diesen #metoo-Trendzug aufspringen zu wollen. Und vergisst dabei, wie sich ein Opfer von echter sexueller Gewalt fühlen muss, wenn man unter dem Hashtag von alltäglichen blöden Anmachen berichtet. Auch wenn man es nochmal klar und deutlich sagen muss: Dass Frauen verbale und körperliche Übergriffe offenbar als alltäglich und normal empfinden, ist schockierend. Aber genauso wie viele Männer die Grenze zwischen einem netten Flirt und einem sexuellen Übergriff nicht im Griff zu haben scheinen, können auch viele Frauen nicht mehr zwischen einem netten Kompliment, einem flapsigen Spruch und einem sexuellen Übergriff unterscheiden.

Ich habe manchmal das Gefühl, ich sei irgendwie die einzige, die noch nie wirklich sexuell belästigt wurde. Klar, ich habe schon unzählige blöde Sprüche gehört, auch im Job – aber ganz ehrlich: Die meisten entlocken mir nur noch ein Gähnen. Ich bedanke mich jeweils für das Kompliment, das offenbar nicht ganz so formuliert wurde, wie es gedacht war, und gut ist. Und ich finde es schade, dass jeder nette Typ, der ein echtes Kompliment ausspricht, gleich eine Erklärung oder eine Entschuldigung hinterher wirft, aus Angst, missverstanden zu werden.

#metoo? Ich nicht. Zumindest empfinde ich es nicht so. Ich wurde noch nie sexuell genötigt oder gegen meinen Willen so angefasst, dass es mir unangenehm war. Mir wurde noch nie von einem Chef oder potentiellen Arbeitgeber suggeriert, meine Karriere würde besser verlaufen, wenn ich ein bisschen „netter“ wäre.

#notme. Der US-Musiker Frank Shiner rief diesen „Gegen-Hashtag“ ins Leben – zum einen für Männer, die Frauen nicht als Objekt sehen, zum anderen für Frauen, die sich nie belästigt fühlten. #notme. Vielleicht hatte ich einfach Glück. Vielleicht ist meine Schmerzgrenze höher als bei anderen. Ich finds nicht so tragisch, wenn mir mal jemand an den Arm fasst. Oder einen unüberlegten Spruch fallen lässt. Oder mir auf die Beine schaut.

Wenn ich das nicht will, ziehe ich lange Hosen an. Ich habe auch kein Problem damit, jemandem zu sagen, dass sein Spruch nicht ganz angebracht war, oder dass er, wenn er fertig damit ist, meine Beine anzuschauen, mir auch in die Augen sehen kann. Und auch nicht damit, einem einschlägig bekannten, in der Branche sehr einflussreichen Herrn, zu sagen, ich würde es vorziehen, ihm zur Begrüssung statt einer Umarmung nur die Hand zu geben. Damit, dass er mich daraufhin als prüde bezeichnete, kann ich ganz gut leben.

«Wenn du einen grossen Ausschnitt schön findest, tun das auch die Jungs»

Womit wir wieder bei dem Thema wären, über das ich beim Hashtag #SchweizerAufschrei schon geschrieben habe: Warum in aller Welt wehrt ihr euch nicht im realen Leben? Warum schweigt ihr so lange? Warum, Frau Jolie und Frau Paltrow, geht ihr zu einem Typen aufs Hotelzimmer? Warum zeigt ihr den Mann nicht an? Warum??? Ist Karriere wichtiger als sexuelle Integrität? Ich frage das ohne irgendwelche Wertung. Ich weiss nicht, wie ich reagiert hätte, wenn mir jemals sowas passiert wäre. Vielleicht hätte ich auch geschwiegen. Aus Angst. Oder weil ich geahnt hätte, dass mir eh niemand glaubt. Und sich eh nichts ändert.

Es ist gut, dass die Diskussion geführt wird. Es ist schade, dass sie wieder so weit geführt wird, dass sie Wasser auf die Mühlen derer giesst, die glauben, sexuelle Übergriffe seien Hirngespinste von unattraktiven Emanzen mit unrasierten Beinen, die nur mal richtige gev... gehören.

An meine Tochter: Zieh an, was du willst. Du musst einfach wissen, dass das gewisse Auswirkungen hat. Wenn du einen grossen Ausschnitt schön findest, tun das auch die Jungs – und schauen hinein. Wenn du das nicht willst, zieh etwas Hochgeschlosseneres an. Nimm ein Kompliment als das an, was es ist. Auch wenn dir der Junge nicht gefällt. Kontere einen blöden Spruch, oder, wenn du das nicht kannst, ignoriere ihn. Die Typen sind meist keinen Extra-Gedanken wert.

Wenn jemand nur dein Aussehen sieht, und nicht all das, was du sonst noch bist, ist er keine Sekunde deiner Zeit wert – auch nicht, dass du dich darüber aufregst. Wenn dir jemand sagt, deine Chancen auf irgendetwas wären höher, wenn du „netter“ wärst, oder einen Knopf deiner Bluse öffnen würdest, geh weg. Das ist es nicht wert. Wenn dich einer ungefragt anfasst, knall ihm eine. Sofort. Anfassen geht nicht. Nie. Gar nie. Wenn dir irgendwas passiert, mit dem du dich unwohl fühlst, sprich darüber. Mit mir, mit deinem Vater, mit sonst jemandem. Bitte! So dass du den Hashtag #metoo niemals verwenden musst!

«Du darfst schauen, aber niemals anfassen»

An meinen Sohn: Hab Respekt, aber hab keine Angst. Sprich ein Kompliment aus, wenn dir danach ist. Und wenns mal etwas flapsig daher kommt, mach dir keinen Kopf, entschuldige dich. Wenn sie das nicht annehmen kann, ist sie keinen Gedanken wert. Du darfst schauen, aber niemals anfassen – genauso wie nie jemand dich anfassen darf, wenn du das nicht willst. Sei einfach du. Wenn du glaubst, irgendwie sein zu müssen, oder irgendwas sagen zu müssen, um jemanden zu beeindrucken, ist dieser jemand deine Energie nicht wert. Lass dich nicht verunsichern. Flirte, aber kenne deine Grenzen - #notme!

PS: Harvey Weinsteins Reaktion auf den ganzen Schlamassel: Er geht jetzt in eine Therapie, um seine Sexsucht zu kurieren. Was für ein Hohn. Vergewaltigung hat nur am Rande mit Sex zu tun (den kann sich nicht nur Weinstein an jeder Ecke kaufen) – es geht vor allem um Macht.

Wer nicht kriegt, was er will, nimmt es sich, weil er selbstverständlich glaubt, dass es ihm zusteht. Die Medien schreiben von einem „Sex-Skandal“ – was an und für sich schon ein Skandal ist. Sex ist kein Skandal. Gewalt und Vergewaltigung schon! Klar, ein Hashtag zeigt gewisse Dimensionen auf. Aber wenn wir wirklich etwas bewirken wollen, müssen wir uns im echten Leben wehren. Sofort, und richtig! So dass ein Hashtag wie #metoo irgendwann nicht mehr nötig ist.