Der ganz normale wahnsinn

Der ganz normale Wahnsinn

Kids und Job unter einen Hut bringen? Easy! Oder doch nicht?

Vom Austeilen und Einstecken

Kaum etwas beschäftigt Sandra C. so, wie der Gedanke, dass eines ihrer Kinder gemobbt werden könnte. Bisher fand sich die Familienbloggerin allerdings immer auf der Täter-Seite. Darauf, dass sich das Blatt plötzlich wendete, reagierte sie anfangs recht hilflos.
Mobbing in der Schule Kinder was tun Familienblog
© Getty Images

Bloggerin Sandra C. weiss: Kinder plagen andere Kinder.

Ich weiss, dass es normal ist, wenn Kinder andere Kinder plagen. Oder eben mobben, wie man heute sagt. Trotzdem gibt es nicht viel, was mich wütender macht, als wenn jemand - verbal oder körperlich - auf jemanden losgeht, der ihm unterlegen ist. Das war schon so, als ich selbst noch ein Kind war. Ich kam des Öfteren heulend von der Schule nach Hause, und meine Mutter brauchte eine Ewigkeit, um mich so weit zu trösten, dass ich erzählen konnte, dass man mir nichts getan hatte, sondern dass meine Klassenkameraden den armen Toni, der eh schon regelmässig zu Hause verdroschen wurde, in den Abfalleimer gesteckt und die Treppe runtergestossen hatten.

Als Mutter wurde ich hingegen bisher weitgehend davor verschont, dass meine Kinder geplagt wurden. Bis auf das eine Mal, als es ein älterer Nachbarsjunge auf meinen Sohn abgesehen hatte, aber das wurde ihm wohl ziemlich schnell langweilig und der Spuk hatte ein Ende. Eigentlich war ich mir immer das Gegenteil gewohnt. Mein Sohn war bereits im zarten Alter von zwei Jahren der Spielplatzschreck, der anderen Sachen wegnahm und sie von der Rutschbahn schubste. Im Kindergarten fand er es lustig, anderen Türen zuzuhalten, sie zu pieksen und seine Kindergärtnerin nachzuäffen. Und auch in seinem ersten Schuljahr glänzte er eher damit, in jede Keilerei verwickelt zu sein als mit schulischem Interesse. Ich fand das alles nicht besonders lustig, aber zu meiner Beruhigung war er nie wirklich böswillig. Das heisst, er hat sich nie gezielt Opfer ausgesucht, auf die er losging (ausser seiner Kindergärtnerin…). Wen er von der Rutsche schubste, der war ihm halt im Weg. Und wenn er jemanden piekste oder ihm die Tür zuhielt, fand er das in dem Moment einfach furchtbar lustig - egal, wer auf der anderen Seite der Tür stand. Und ganz ehrlich: Wenn ich wieder mal einen Anruf wegen irgendetwas bekam, das er verbrochen hatte, ging mir nicht selten Folgendes durch den Kopf: «Mir ist lieber, er ist der, der austeilt, als der, der immer einstecken muss.»

Aber eben - wer austeilt, muss irgendwann auch mal einstecken können. Und so geschah es denn vor kurzem, dass sich ausgerechnet der beliebteste Junge seiner Klasse meinen Sohn als Opfer aussuchte. Nachdem er tagelang über die Massen aggressiv war und sich nach der Schule sofort in sein Zimmer verzog, was sonst gar nicht seine Art ist, rückte er nach mehrmaligem Fragen damit raus: «Sie schubsen mich im Sportunterricht und nennen mich lahme Ente, obwohl ich schnell bin. Und in der Pause auch, und wenn ich wütend werde, lachen sie.» Angefangen habe immer er, Finn. Und wenn Finn etwas macht, macht es die halbe Klasse nach. Schliesslich spielt Finn Eishockey und Fussball und kann Karate, und jeder will so sein wie er. Auch mein Sohn.

Ich war erstmal total überfordert. Wie reagiert man in so einer Situation? Und vor allem: Wie ist das alles überhaupt einzuschätzen? Ich kenne meinen Sohn und seinen Hang, die Dinge zu dramatisieren. Aber würde er wirklich erzählen, er werde im Sportunterricht herumgeschubst, ohne dass ihn jemand angefasst hat? Ich glaube kaum. Was ich hingegen auch nicht glaubte war, dass seine Lehrerin nur zugeschaut und nichts gesagt hat - so wie er das behauptete. Sollte ich die Lehrerin anrufen? Finns Eltern? Auf dem Pausenplatz aufkreuzen und dem Grosskotz und all seinen erbärmlichen Nach-dem-Maul-Rednern die Leviten lesen? Der Vater meines Sohnes hätte im Übrigen den testosteron-typischen Weg gewählt: «Hau dem arroganten Plöffsack einfach eine runter, dann ist schon Ruhe!» Und für einen Moment fand ich den Ansatz sogar durchaus vertretbar.

Nun, zum Glück entscheiden sich Menschen mit weniger Testosteron im Blut dann meistens dafür, der Sache doch nochmal auf den Grund zu gehen, bevor sie jemandem zu körperlicher Gewalt raten. So kam ich nach einem weiteren Gespräch mit Junior darauf, dass er - wie alle -  furchtbar gern Finns Freund wäre. Nur wollte der nichts davon wissen. Und das Buhlen meines Sohnes um seine Aufmerksamkeit ging ihm halt irgendwann tierisch auf den Sack. Was irgendwo ja auch verständlich ist. «Was ist denn nicht gut an deinen Freunden?», fragte ich meinen Jüngsten. Er war irritiert: «Alles ist gut, warum fragst du?» - «Na, weil du doch tolle Freunde hast, und es nicht nötig hast, einem nachzurennen, der nicht dein Freund sein will. Lass doch Finn einfach Finn sein und hab Spass mit deinen Freunden!» Und was soll ich sagen? Für einmal hat das gescheite Kind auf seine Mutter gehört. Seither hat sich die Lage beruhigt. Und so ein bisschen stolz bin ich schon auf mich.

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