Der ganz normale wahnsinn

Der ganz normale Wahnsinn

Kids und Job unter einen Hut bringen? Easy! Oder doch nicht?

Die neue Generation der Grosseltern

Ihre eigene Grossmutter hantierte im Haus und im Garten, und Sandra C. kann sich kaum erinnern, sie je ohne Küchenschürze gesehen zu haben. Die Grossmütter ihrer Kinder sind da ganz anders: Sie tingeln durch die Weltgeschichte oder kommunizieren via Facebook. Toll, findet die Familienbloggerin.
Themenbild Grossmutter mit Smartphone
© iStockphoto

Das heutige Grosi kommuniziert mit ihren Enkeln via SMS - problemlos.

Meine Grossmutter väterlicherseits war genau so, wie man sich eine richtige Nonna vorstellt. Ihre Tage als Pensionärin verbrachte sie in ihrem Garten und in ihrer Küche, sie machte die beste Gerstensuppe und die beste Salatsauce der Welt, und ich kann mich nicht erinnern, sie als Kind je ohne Küchenschürze gesehen zu haben. Und ihren gellenden Schrei vom Balkon habe ich auch noch im Ohr, wenn sie meinen Grossvater, meinen Bruder und mich zum Essen rief: «Luigi, Kinder, Essen! Luigi! Jetzt!» (Ja, mein Grossvater schien zwar nach aussen wie der Macho par excellence, aber daheim hatte definitiv sie die Hosen an.) Sie lebte für ihr Zuhause und ihre Familie, jederzeit bereit, ihre Enkel - von denen es zu ihrem Leidwesen bei fünf Kindern nur gerade drei gegeben hatte - zu hüten und zu verwöhnen. Selbstverständlich nahm sie sich dabei auch das Recht heraus, meinen Eltern - das heisst, vor allem meiner Mutter - kräftig in die Kindererziehung reinzureden.

Nun, die Zeiten haben sich geändert. Und mit ihnen auch die Rollen der Grosseltern. Sie würden mir niemals dreinreden, wenn es um die Erziehung der Kinder geht. Aber sie stehen auch nicht jederzeit so selbstverständlich als Babysitter zur Verfügung wie meine Grosseltern damals. Die Grosseltern von heute haben ihr eigenes Leben, das sich nicht in erster Linie um ihre Enkel dreht. So kennen meine Kinder ihre Oma - meine Mutter - als moderne Frau, die sich gar nicht so sehr von mir unterscheidet: Sie ist berufstätig, oft unterwegs, reist viel (gerade war sie vier Monate in Australien) und kann durchaus mitreden bei vielen Themen, die sie interessieren. Nur mit der Technik hat sies nicht so. Sie war vermutlich einer der letzten Menschen im ganzen Land, der sich ein Handy zulegte, und ich glaube, sie kann es heute noch nicht richtig bedienen (tschuldigung, Mama, dass ich das jetzt ausgeplaudert habe…). Da ist das Grosi meiner Kinder - ihre Grosssmutter väterlicherseits -, notabene gute zehn Jahre älter als meine Mutter, ein ganz anderes Kaliber. Sie hat ein Facebook-Profil, auf dem sie sehr aktiv ist, und kommuniziert regelmässig mit ihrer Enkelin per SMS. Ich habe mich übrigens relativ lange gewundert, wie lange das Geld, das ich meiner Tochter jeweils anfangs Monat auf ihr Pre-Paid-Handy lade, reicht. Bis ich sie eines Tages flüsternd im Kleiderschrank erwischte, Handy am Ohr: «Weisch, Grosi, ich habe fast kein Geld mehr auf dem Handy, und wenn du mir keins drauflädtst, kann ich dir keine SMS mehr schicken.»

Eines ist offensichtlich gleich geblieben: Grosseltern verwöhnen ihre Enkel immer noch gern. So gibt es bei der Oma immer Dessert und auch mal ein ausserplanmässiges kleines Geschenk. Und das Grosi kocht ihr Lieblingsessen, und wenn sie zum Hüten eingesprungen ist (wofür ich unendlich dankbar bin) finden sich im Kühlschrank Milchschnitten und Kinderschokolade - Dinge, die ich niemals kaufen würde. Was absolut ok ist, denn wenn die Kinder bei den Grosseltern sind, gelten deren Regeln, nicht meine. Und eben - sie müssen die Kinder ja nicht erziehen, nur gern haben.

Was ich besonders toll finde, ist, dass meine Kinder bereits ihre Grossmütter als eine Generation von starken, selbstständigen Frauen erleben, die ihr eigenes Leben aktiv in die Hand nehmen und auch technisch - mehr oder weniger - auf der Höhe sind. Und: Mit solchen Vorbildern gesegnet hält sich sogar meine Panik vor dem nächsten Geburtstag in Grenzen.

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