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Der ganz normale Wahnsinn

Muss man wirklich bis zum Zusammenbruch lernen, um am Gymi zu bestehen?

Die Tochter unserer Familienbloggerin geht ans Gymnasium - und stellt extrem hohe Ansprüche an sich selbst. Ganz anders als ihre Mutter, welche, was die Schule angeht, eine totale Minimalistin war. Und findet, ein bisschen mehr Faulheit würde ihrem Kind diesbezüglich gar nicht schaden.

 Thema: Maedchen am Schreibtisch Bonn Deutschland *** Theme Girl at Desk Bonn Germany Copyright: xUtexGrabowsky/photothek.netx

Lernen, bis nichts mehr geht. Ist das heutzutage wirklich nötig? Oder machen sich die Kinder den Druck teilweise selbst? 

imago images/photothek

Leider muss ich sagen, dass meine Gymi-Zeit schon ein paar Jahre her ist. Demenstprechend sind die Erinnerungen vielleicht ein bisschen unscharf oder verfremdet. An eines mag ich mich allerdings mit ziemlich grosser Sicherheit erinnern: Der Druck war niemals so gross, wie ich ihn jetzt bei meinem Kind 1 erlebe.

Pragmatisch und minimalistisch

Dabei bin ich mir nicht sicher, ob es heute tatsächlich so viel härter ist, in der Kanti zu bestehen, oder ob sich meine Tochter diesen Druck zu einem grossen Teil selbst macht. Ich muss jetzt hier ein Geständnis machen: Ich bin ziemlich pragmatisch, und ich habe eine total minimalistische Ader. Das gilt nicht für jeden Aspekt meines Lebens, aber in der Schule wars definitiv so.

Mit Zahlen konnte ich noch nie wirklich gut, aber etwas hab ich immer auf die Reihe gekriegt: Ausrechnen, was ich mir notentechnisch leisten kann, damit ich den geforderten Schnitt halte. Auf diese ausgerechnete Note hab ich jeweils hingelernt - und auf kein bisschen mehr. Für die Matura hab ich nicht mal die geforderte Englischliteratur gelesen, weil ich wusste, dass mich nicht mal eine Eins so weit runterziehen würde, dass ich die Prüfungen nicht bestehe.

«Wenn ich zweimal in einer Woche auf einen total ausgelaugten, weinenden Teenager treffe, wünschte ich mir schon, dieser hätte die Gnade, einfach mal ein bisschen mehr zu sein wie ich, sprich ein bisschen fauler.»

Etwas, was für meine Tochter niemals in Frage käme. Sie hat einen fantastischen Notenschnitt im Moment, und will diesen unbedingt halten. Nicht, dass ich das nicht gut fände. Oder dass ich es für schlecht halte, dass sie so viel lernt. Aber wenn ich zweimal in einer Woche auf einen total ausgelaugten, weinenden Teenager treffe, wünschte ich mir schon, dieser hätte die Gnade, einfach mal ein bisschen mehr zu sein wie ich, sprich ein bisschen fauler.

Den Schnitt halten - um jeden Preis

«Du hast jetzt den ganzen Nachmittag gelernt, da kanns doch schlicht nicht sein, dass du eine ungenügende Note schreibst», sage ich zu ihr, als ich sie wieder mal total aufgelöst in ihrem Zimmer finde. «Ich brauche aber einen Fünfeinhalber, um den Schnitt zu halten», schnieft sie. «Und was passiert, wenn du den nicht hältst?» - «Dann sinke ich eine halbe Note.» - «Und? Du hast so ein komfortables Polster, das erträgt es locker.» - «Ich WILL aber meinen Schnitt halten.» - «Und was passiert, wenn nicht? Hat dich dann irgendjemand weniger gern? Ich sicher nicht.»

Ich merke, dass ich mich auf einem schmalen Grat bewege. Ich versuche, den Druck von ihr zu nehmen, mache aber gerade den Eindruck, als ich wüsste ich ihre Bemühungen um eine gute schulische Leistung überhaupt nicht zu schätzen. «Es ist super, dass du gut in der Schule sein willst», wage ich einen neuen Versuch. «Aber es kann doch nicht sein, dass du regelmässig bis zur Erschöpfung lernst, weil du so hart zu dir selbst bist.»

««Jede von uns lernt die Hälfte des Stoffes, und erklärt ihre Hälfte danach der anderen.» Ich bin zwar nicht sicher, ob das wirklich funktioniert, muss aber sagen, dass ich beeindruckt bin - wieso ist mir das nicht schon vor 25 Jahren eingefallen?»

Zwei Tage später. Kind 1 sitzt mit einer Freundin an unserem Küchentisch und lernt. «Wir haben ein neues System», erklärt sie mir stolz. «Jede von uns lernt die Hälfte des Stoffes, und erklärt ihre Hälfte danach der anderen.» Ich bin zwar nicht sicher, ob das wirklich funktioniert, muss aber sagen, dass ich beeindruckt bin - wieso ist mir das nicht schon vor 25 Jahren eingefallen?

Dann hätte ich nur die Hälfte des absoluten Minimums lernen müssen. Damit wäre ich fast an meinen Bruder herangekommen, der es geschafft hat, seine Berufsmatura ohne eine einzige Minute lernen zu bestehen. Aber ich will ihm diesen Triumph ja nicht madig machen, deshalb überlass ich Minimalismus-Tricks jetzt der nächsten Generation.

Von Sandra C. am 26. Juni 2021 - 17:00 Uhr
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