Der ganz normale wahnsinn

Der ganz normale Wahnsinn

Kids und Job unter einen Hut bringen? Easy! Oder doch nicht?

Die Neiderin

Kinder haben ist toll. Und Eltern reiben das gern jedem und jeder unter die Nase. Sandra C. auch. Dabei verbirgt sich hinter dieser Schwärmerei oft nur eines, wie die Familienbloggerin gesteht: der pure Neid auf alle Kinderlosen.
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Spontan auf einen Apero mit den Arbeitskollegen? Liegt nicht drin für Sandra C.

Kürzlich war ich freitags im Büro. Normalerweise arbeite ich dann im Homeoffice, aber weil ich etwas abtauschen musste, verbrachte ich halt den Freitag mal im Büro. Spielt ja keine grosse Rolle, dachte ich. Ich hatte falsch gedacht. Denn jetzt weiss ich wieder, warum ich mich freitags möglichst von meinen Arbeitskolleginnen fernhalte. Nicht, weil ich sie nicht mögen würde. Im Gegenteil. Sie sind die coolsten Girls der Welt, ohne mich jetzt irgendwie einschleimen zu wollen. Aber eben: Sie sind Girls, alles Mädels in ihren Zwanzigern und anfangs dreissig, jung, frei und kinderlos. Und freitags besprechen sie ihre Pläne fürs Wochenende. Romantischer Trip nach Paris. Ausstellungs-Besuch in London. Dringender Coiffeur-Besuch vor der Super-Duper-Party am Samstagabend.

«Ich hasse euch!», rutscht es mir heraus. Ich verbringe meine Wochenenden nämlich nicht in Paris oder London, und das mit dem Nach-einer-durchfeierten-Nacht-den-Sonntag-verschlafen übernimmt mittlerweile meine Tochter (auch wenn die durchfeierte Nacht natürlich die Übernachtungs-Geburtstagsfeier einer Freundin war, aber trotzdem…). Ich verbringe meine Wochenenden - wenn ich nicht arbeite - auf Fussballplätzen oder in Turnhallen. Wenn Sohn oder Tochter spielt, steh ich am Spielfeldrand und fiebere mit - oder beobachte die Väter und Mütter, die versuchen, ihren Nachwuchs zu Höchstleistungen zu brüllen und dabei Gegner und Trainer verfluchen. Zwischen den Spielen erledige ich meine E-Mails oder bereite Interviews vor.

Vergangenes Wochenende war ich mit meiner Tochter an einem Casting. Meine Begeisterung hielt sich in Grenzen, als sie anfing, für diverse Aufführungen vorsingen, -tanzen und -spielen zu wollen. Die paar Wochenenden, an denen kein Fussball- oder Handballspiel ist, sind somit auch noch mehr oder weniger futsch. Umso schräger fuhren mir die Eltern ein, auf die ich dort traf. Die Supermum vor mir am Registrationsdesk: «Dürfen Eltern mit rein?» Der Typ dahinter: «Nein.» (Ich: Gott sei Dank, ich kann wieder heim.) «Wissen Sie, Grace-Alexandra war diese Woche schon an zwei Castings, sie ist nicht mehr so fit. Ich bin aber überzeugt, dass sie für die Hauptrolle geschaffen ist! Wenn sie aber eben nicht ihre Leistung abrufen kann, kann ich das beurteilen, und es Ihnen sagen. Sie müssen mir glauben, sie ist wirklich, wirklich gut!»

Ich hätte ihr am liebsten eine reingehauen. Noch lieber hätte ich meine Tochter gepackt und wäre sofort wieder nach Hause mit ihr - denn die gute Frau war nicht die einzige, die nach der Anmeldung wie ein Box-Coach auf ihre Tochter einredete, ihr Tipps mit auf den Weg gab, fragte, ob sie sich wirklich gut vorbereitet habe. Hä? Sorry, Frauen, aber dieses Casting-Ding ist die Sache eurer Töchter, nicht eure. Ich fahr meine da hin und hole sie wieder ab und lasse mir das Weekend versauen. Weil sie das unbedingt will und ich ihr nicht vor der Sonne stehen will. Das ist Elternliebe, und nicht, dem Kind unbedingt eine Hauptrolle verschaffen zu wollen (gut, darauf zu hoffen, dass es gar keine Rolle kriegt, damit nicht noch mehr Wochenendpläne den Bach runtergehen, ist vermutlich auch keine…).

Wie auch immer. So verbringe ich meine Wochenenden. Und wenn ich euch vorschwärme, wie toll es ist, Kinder zu haben, und dass ich die Weekend-Trips und Partys überhaupt nicht vermisse, dann lasst euch hier und jetzt in einem sehr ehrlichen Moment gesagt sein: Das ist gelogen. Ich beneide euch mehr als ihr euch vorstellen könnt. Mein einziger Trost ist der, dass vielleicht in zehn, fünfzehn Jahren, wenn ihr eure Wochenenden auf Fussballplätzen und in Turnhallen verbringt, meine mich wieder nach Paris oder London führen. Ausser, ich lasse mich breitschlagen, einen kleinen Enkel zu hüten, damit meine Kinder ihr Wochenende in Paris oder London verbringen können. Denn das ist wahre Elternliebe.

Im Dossier: Alle Familienblogs von Sandra C.