Der ganz normale wahnsinn

Der ganz normale Wahnsinn

Kids und Job unter einen Hut bringen? Easy! Oder doch nicht?

Muttertag? Da pfeif ich drauf!

Familienbloggerin Sandra C. ist kein Fan vom Muttertag. Und versteht nicht ganz, warum man so ein Aufheben um diese Alibi-Übung macht. Etwas mehr Hilfe und Respekt für Mütter im Alltag wäre ihr lieber.

Vor drei Jahren brachte mein Sohn ein Muttertagsgedicht mit aus der Krippe: «I bi no chly, doch weiss i guet, was s Mami alles für mi tuet: Tuesch s Ässe choche, d Better mache, wäschisch und flicksch mir alli Sache.» Von einer Einrichtung, die Kinder von berufstätigen Müttern betreut, fand ich das, gelinde gesagt, ein wenig befremdlich. Nicht nur, dass man den Kindern Gedichte mit vorsintflutlichem Inhalt mitgibt. Was da steht, ist nämlich schlicht und einfach gelogen. Nicht, dass ich nicht koche und wasche. Aber Sachen flicken? Lohnt sich das bei Kinderkleidern? (Abgesehen davon, dass meine Tochter das mittlerweile besser könnte als ich.) Die grösste Lüge ist aber die erste Zeile: «...doch weiss i guet, was s Mami alles für mi tuet.» Das ist nicht wahr! Kinder wissen nicht, was ihre Eltern alles für sie tun. Für sie ist alles normal, was sich in ihrem Alltag abspielt. Und das ist völlig okay so. Wer Dankbarkeit erwartet, darf keine Kinder haben. Und das gilt auch für den Muttertag. 

Tut mir leid, wenn ich alle Muttertags-Anhängerinnen und -Anhänger jetzt vor den Kopf stosse, aber ich kann herzlich wenig anfangen mit solchen Alibi-Übungen. Ich brauche keine Blumen (Heuschnupfen) und auch keine Schoggi (macht eh dick). Ich brauche keinen Zmorge ans Bett (ich bin eh die erste, die wach ist, und bis ich dann was zu essen kriege, bin ich verhungert) und keine Basteleien (auch wenn ich natürlich Freude daran habe. Aber mir ist eine Zeichnung lieber, die nicht auf Kommando entsteht). Ich brauche keinen Muttertag. Etwas mehr Wertschätzung für uns Mütter im Alltag wäre mir lieber. 

Liebe Väter, unterstützt uns mehr im Alltag. Ja, ich weiss, viele von Euch helfen mittlerweile im Haushalt und in der Kinderziehung mit. Aber auch in der Organisation? Vereinbart Ihr Zahnarzttermine, packt Turntaschen, besorgt Geschenke für die Geburtsparty eines Schulfreundes? Dann seid Ihr eine Ausnahme. Das ist nämlich fast immer Mami-Sache. Oder sagt einfach mal Danke dafür, dass wir immer alles im Kopf haben. Nicht jeden Tag. Aber auch nicht nur am staatlich verordneten Muttertag.

Liebe «Gesellschaft», hört auf, an uns herumzumäkeln. Es ist unsere Sache, ob wir arbeiten wollen oder nicht. Ob wir stillen wollen oder nicht. Ob wir unsere Kinder in einer Krippe betreuen lassen wollen oder nicht. Hört auf, so blöde Parolen zu verbreiten wie «wer sie nicht selbst erziehen will, muss keine Kinder haben». Für Väter gilt das ja offensichtlich nicht. Lasst uns leben, wie wir wollen, und zeigt Wertschätzung dafür, dass wir uns alle erdenkliche Mühe geben, die nächste Generation heranzuziehen. 

Liebe Politiker, auch wenn die Geburtenrate wieder leicht ansteigt - 1,5 Kinder pro Frau ist nicht gerade berauschend. Ihr machts uns auch nicht wirklich schmackhaft, uns für eine Familie zu entscheiden. Bezahlbare Betreuungsplätze? Fehlanzeige. Steuererleichterungen für Familien? Nur bedingt. Wir ziehen die nächste Generation der AHV-Berapper heran. Das sollte Euch doch auch mal was Wert sein.

Liebe Mütter, Ihr müsst nicht perfekt sein. Seid nicht so hart zu euch selbst. Ihr könnt auch mal im Trainer einkaufen gehen. Geburikuchen vom Beck kommen bei den Kids genau so gut an wie selbst gebackene - ist doch Wurscht, was die anderen denken! Und wenn Ihr bei der Präsentation für den Chef mal einen Nuggi statt eines Kulis aus der Tasche zieht, ist das doch lustig. (Lasst euch gesagt sein: Ein Tampon ist viel peinlicher!) Im Übrigen kann man ja auch mal den Mann zum Einkaufen schicken. Der geht gern auch im Trainer.

Liebe Kinder, wir freuen uns, wenn Ihr für uns bastelt oder uns Zmorge ans Bett bringt am Muttertag. Aber lasst Euch eins gesagt sein: Wir haben uns für Euch entschieden, und nicht ihr Euch für uns. Wir Mütter müssen dankbar sein, dass es Euch gibt, und nicht umgekehrt! 

Meine zwei lieben Rabauken, ich habe in den vergangenen Jahren etwas ganz Wichtiges gelernt von Euch: Wahre Liebe ist eine Einbahnstrasse. Ich liebe Euch. Auch wenn Ihr Euer Zimmer nicht aufräumt, wenn Ihr Wutanfälle habt und Euch daneben benehmt. Auch wenn Ihr sagt, ich tanze wie eine Tussi. Und auch wenn Ihr mir am Muttertag nichts bastelt und keinen Zmorge ans Bett bringt. Ich bin Eure Mutter, und das heisst, dass Ihr mir nichts schuldet für meine Liebe. Auch keine Dankbarkeit.

Liebe Mama, ich bin jetzt gross und deshalb realisiere ich langsam, was Du für mich getan hast. Du hast gekocht und gewaschen. Und Du liebst mich so bedingungslos, wie ich meine Kinder liebe. Auch wenn ich den Muttertag vergesse. Und darum sage ich Dir trotz meiner Abneigung gegen den Muttertag Danke. Und Blumen kriegst du auch!

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