Der ganz normale wahnsinn

Der ganz normale Wahnsinn

Kids und Job unter einen Hut bringen? Easy! Oder doch nicht?

Normalität und Integrations-Wahn

Wenn man heutzutage Kinder im Schulalter hat, ist die Chance gross, dass man sie schon mindestens einmal hat abklären lassen. Auf ADS, Asperger, Hochbegabung, was auch immer. Warum will eigentlich niemand mehr ganz normale Kinder?, fragt sich Familienbloggerin Sandra C.

Kennt ihr Pippi Langstrumpf? Klar, wer nicht. Jeder liebt sie. Jetzt stellt euch mal vor, Pippi wäre «echt». Frech, respektlos, zappelig. Verhaltensauffällig im höchsten Mass. Abklärungen und Therapien an allen Fronten - um sie so gut wie möglich zu integrieren. 

«Integration» heisst das Zauberwort heutzutage. Zwar hat man erkannt, dass auch die Normalität viele Gesichter haben kann. Früher gabs in der Schule Noten und Regeln, und wer da nicht mithalten konnte, flog raus. Alle in eine Schublade, fertig. Heute gibts immerhin zwei, drei verschiedene Schubladen. Und wer in keine reinpasst, fliegt eben nicht mehr raus, sondern wird zuerst abgeklärt und dann integriert. Mit spezieller Nachhilfe, Förderung, Therapien - körperlich oder psychisch - im Notfall mit dem guten alten Ritalin. Es ist toll, dass heute jedes Kind die Möglichkeit hat, in einer «normalen» Klasse unterrichtet zu werden. Aber dieser Integrations-Wahn macht dich als Eltern paranoid! Ab wann ist normal eben nicht mehr normal, sondern abklärungs- und integrations-notwendig? Ich hab das Gefühl, es will eh niemand mehr ein normales Kind. Oder aber wir haben immer mehr das Gefühl, wir müssen alles «Auffällige» irgendwie betiteln. 

«Hast du ihn schon mal abklären lassen?» Ja, ich gebs zu, ich hab den Satz schon häufiger gehört, wenns um meinen Sohn geht. Und ja, auch das geb ich zu, ich hab mir auch schon häufiger überlegt, ihn tatsächlich mal abklären zu lassen. Und wenn ich wüsste, auf was, hätte ichs vielleicht sogar schon getan. Er ist laut, frech, hat massive Wutanfälle und konzentriert sich nur auf etwas, wenn es irgendwie mit Motoren, Kämpfen oder Dinosauriern zu tun hat.

Aber mal ehrlich - kennt ihr Sechsjährige mit einer Engelsgeduld und der Konzentrationsfähigkeit eines Uri Geller? DAS wäre meiner Meinung nach nicht normal! Er kann lesen und schreiben, und wenn man ihm sagt, er solle ein Haus malen, zeichnet er einen Bauplan. Wenn ich ihm sage, er solle bitte sein Velo ins Gartenhaus stellen, geht er in den Garten, steht fünf Minuten vor seinem Velo und kommt zurück ins Haus. Ich gehe also auch nicht von einer Hochbegabung aus. Er ist nicht wie andere Kinder, dessen bin ich mir bewusst. Wir haben auch - und er ist noch nicht mal in der Schule - einige Monate Logopädie (wegen Lispelns) hinter uns und ein paar Monate Psychomotorik, da er feinmotorisch nicht gerade den Vogel abschiesst. Trotzdem habe ich beschlossen, den Förder-, Abkärungs- und Integrations-Wahn einfach zu ignorieren und meine Kinder so sein zu lassen, wie sie eben sind. Laut, frech, und vielleicht ein bisschen verhaltensauffällig. Und nach meinem Ermessen total normal! 

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