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Der ganz normale Wahnsinn

Pan? Bi? Non-binär? Kids im Dschungel der Selbstfindung

Als Eltern ist man mit der Herausforderung konfrontiert, dass alles ganz anders ist wie damals, als man selbst Kind oder Teenie war. Die Möglichkeiten, wer oder was man selbst sein könnte, haben sich in den letzten 25 Jahren etwa verzwölffacht, wie es unserer Familienbloggerin scheint.

ddlovato demi lovato outet sich als non-binär

Immer wieder machen Stars mit Outings von sich reden. Gerade outete Sängerin und Schauspielerin Demi Lovato sich als non-binär, was bedeutet, dass sie/er sich keinem eindeutigen Geschlecht zugehörig fühlt. 

Instagram/ddlovato

Nicht, dass ich es gut fände. Im Gegenteil. Aber es war einfach. Als ich im Alter meiner Kinder war, gab es «normal». Normal war heterosexuell. Zwar hat man schon gewusst, dass Männer auch Männer und Frauen Frauen lieben können, und zumindest in meinem Elternhaus galt das nicht als verwerflich. Aber es existierte eben nur am Rande. Es war weder ein Diskussionsthema am beim Abendessen noch im Freundeskreis, noch kam es in den Teenager-Heften vor, die ich las. Dass dies dazu führte, dass sich nicht heterosexuelle Jugendliche kaum je outeten, und die meisten ihr wohl eher spätes Outing irgendwann als traumatisch empfanden, lag damals ausserhalb meiner Vorstellungskraft.

Die Teenies von heute sind divers

Für mich persönlich war meine sexuelle Orientierung in der Phase meiner Selbstfindung einfach nie ein Thema. Ich bin normal. So wie alle anderen auch. Dass mein erster Freund auch eine Freundin sein könnte? Dass ich mich irgendwie anders empfinden könnte als zu hundert Prozent weiblich? Dass das Geschlecht einer Person beim Verlieben nur eine Nebenrolle spielt? Unvorstellbar. Für mich und mein Umfeld.

«So stellen sich viele Teenager heute nicht mehr nur die Frage, wer bin ich eigentlich und wer möchte ich sein, sondern auch: Was habe ich für ein Geschlecht?»

In der Generation meiner Kinder ist das ganz anders. Und es gibt zwei Extreme. Zum einen die Kreise, in denen «schwul» noch immer ein Schimpfwort ist, und jede andere sexuelle Orientierung als Heterosexualität als Krankheit angesehen wird. Also noch rückschrittlicher als zu der Zeit, als ich ein Teenager war. Wehe dem oder der sich auf der Selbstfindung in diesen Kreisen als «anders» erlebt. Psychische Langzeitfolgen sind vorprogrammiert.

Wer bin ich, wer will ich sein, wen möchte ich lieben?

Und dann gibts da noch die andere Seite. Diejenige, die man momentan fast täglich in den (Sozialen) Medien um die Ohren gehauen bekommt, wenn sich diverse Promis - und Vorbilder unserer Kids - als homo- bi- oder pansexuell, non-binär oder genderfluid outen. So stellen sich viele Teenager heute nicht mehr nur die Frage, wer bin ich eigentlich und wer möchte ich sein, sondern auch: Was habe ich für ein Geschlecht? Denn die Kids orientieren sich in dieser Frage nicht mehr nur an ihren Geschlechtsmerkmalen. Fühle ich mich tatsächlich als Mädchen?, fragt sich zum Beispiel ein Girl. Oder würde ich mich wohler fühlen als Junge (transsexuell)? Bin ich keines von beidem (non-binär)? Oder bin ich beides - mal dieses, mal jenes (genderfluid)?

Wen möchte ich lieben? Das andere Geschlecht (heterosexuell)? Das gleiche (homosexuell)? Mal das eine, mal das andere (bisexuell)? Einfach den Menschen, ohne Präferenz für das eine oder andere Geschlecht (pansexuell)? Und was bedeutet all das für mich und mein Umfeld?

«Manchmal habe ich ein bisschen das Gefühl, mit der sexuellen Orientierung ist es heute - in gewissen Teenie-Kreisen - wie mit Alkohol oder Drogen: wer nicht möglichst viel ausprobiert, gilt als langweilig, wenn nicht gar als homophob.»

Das führt zu ganz praktischen Problemen. Im Freundeskreis meines einen Kindes gibt es jemanden, der? die? sich als non-binär definiert. Was soll ich sagen, wenn ich mit meinem Kind über diese Person spreche, die weder er noch sie ist. Es? Das geht doch nicht. Unsere Sprache kommt mit dieser Entwicklung nicht mehr mit.

Manchmal habe ich ein bisschen das Gefühl, mit der sexuellen Orientierung ist es heute - in gewissen Teenie-Kreisen - wie mit Alkohol oder Drogen: wer nicht möglichst viel ausprobiert, gilt als langweilig, wenn nicht gar als homophob. Auf dem gleich schmalen Grat wandert man als Eltern, die diese jungen Leute begleiten. Wie verklickere ich dem Kind, dass, nur weil es alles ausprobieren KANN, es dies nicht unbedingt MUSS, ohne dass es so klingt, als hätte ich ein Problem mit etwas? Wie kann ich ihm helfen, seinen Weg in diesem Dschungel der Möglichkeiten zu finden, der immer komplexer wird?

Entscheide hinterfragen

Ich werde nie ein Problem damit haben, wer oder wie meine Kinder sind oder sein möchten, wen sie sich entscheiden, zu lieben, und wie sie leben möchten. Ich werde mir aber regelmässig erlauben, ihre Entscheide zu hinterfragen - und hoffe, sie tun das auch. Denn nur so kommt man irgendwann irgendwo hin in diesem pubertären Selbstfindungsprozess.

Von Sandra C. am 29.05.2021
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