Der ganz normale wahnsinn

Der ganz normale Wahnsinn

Kids und Job unter einen Hut bringen? Easy! Oder doch nicht?

Ich bin nicht Charlie!

Nach einem Attentat wie demjenigen in Paris, fragt sich Sandra C. - übrigens nicht zum ersten Mal: «In was für eine Welt habe ich bloss Kinder gesetzt? In was für einer Welt werden meine Kinder leben müssen?» Eine berechtigte Frage zwar, auch wenn die Familienbloggerin zum Schluss kommt: In keiner besseren und keiner schlechteren als all die Generationen davor. Weil bereits Kinder Charlie sind. Oder Terroristen. Oder beides.
Paris Je suis Charlie Demontration
© Keystone

Ich bin nicht Charlie, sagt Bloggerin Sandra. Denn: Sie habe nicht den Mut, so zu provozieren, wie es «Charlie Hebdo» tut.

Sie heissen Chérif und Said Kouachi, sind in die Redaktionssitzung des französischen Satire-Magazins «Charlie Hebdo» marschiert und haben zwölf Menschen getötet. Menschen, die sie nicht kannten. Blind vor Hass und Wut. Menschen, von denen sie sich provoziert fühlten.

Ein Aufschrei ging durch die gesamte westliche Welt. «Je suis Charlie». Auch wir sind Charlie, schrien alle. Ihr könnt uns nicht alle umbringen. So weit, so gut. Nur ein bisschen schräg, dass so viele, die sich jetzt Charlie nennen, so lange so bemüht um political correctness waren. Bloss nicht unnötig provozieren.

«Charlie Hebdo» hat provoziert. Und mit Provokationen kenne ich mich aus, das könnt ihr mir glauben. Denn die Wahrheit ist: Der Wille, zu provozieren, und das Streben nach Macht ist uns angeboren. Den einen mehr, den anderen weniger. Setzt euch mal an einem beliebigen Tag während der grossen Pause an den Rand des Pausenplatzes und schaut zu, was da so abgeht. Die Chance, dass sich zwei, drei, vier, zehn miteinander prügeln, ist relativ gross. Den Grund können sie meist selbst nicht nennen. Dabei ist er fast immer der gleiche: Einer hat provoziert, einer hat zugeschlagen. Kinder sind mindestens so gnadenlos wie Erwachsene. Sie provozieren einander wegen allem - wegen ihres Aussehens, ihrer Zahnspange, ihrer Familie. Und sie lernen früh, dass man sich mit dreinschlagen fast immer mehr Respekt schafft, als wenn man sich mit Worten wehrt. Auch wenn die meisten Eltern ihnen das Gegenteil predigen.

Mein Sohn war lange Zeit der kleinste in unserer Strasse. Leider auch der mit der grössten Klappe, der grösste Provokateur. Ein gefundenes Fressen für alle Grösseren, die irgendwie ihren Frust loswerden mussten. Als ich irgendwann fand, das geht nicht mehr, dass mein Kindergärtler regelmässig von einem Sechstklässler vermöbelt und an Bäume gebunden wird (!) und das Gespräch mit dessen Mutter suchte, meinte sie entschuldigend, ihr Junge mache gerade eine schwere Zeit durch, seine Eltern seien in Scheidung.

Chérif und Said machten auch eine schwere Zeit durch. Frust, Perspektivlosigkeit, Hass auf alle, die es ihrer Meinung nach besser haben als sie selbst. Die Religion - und zwar jede Religion - war schon immer ein willkommener Grund, um sich zu schlagen. Sich im Namen Allahs den Frust von der Seele ballern. «Der hat blöd geguckt» geht halt als Erwachsener nicht mehr. Und es hat schon immer solche gegeben, die aus dem Frust der anderen Kapital schlugen und Macht generierten. Liefere einem streitlustigen Gefrusteten einen Grund, zu prügeln oder zu schiessen, und du bist ihr König. Das hat Hitler genauso begriffen wie Al Kaida - und wie der Sechstklässler in unserer Strasse, der den Drittklässlern erzählte, die Kindergärtler seien Lügner, können gar kein Karate und man müsste ihnen mal die grosse Klappe stopfen. Man kann sich ausmalen, was passiert, wenn diese Kindergärtler den Drittklässlern die Zunge rausstrecken. Und ich fragte mich, als mein Sohn mit blauen Flecken nach Hause kam: War diese Provokation nun mutig - oder schlicht dämlich?

Ich bin nicht Charlie! Ich habe nicht den Mut, dermassen zu provozieren. Auch wenn ich finde: Ja, Satire darf alles. Satire muss alles. Charlie hat genau gewusst, wem er da die Zunge rausstreckte. Dass er es trotzdem getan hat, war dämlich, mutig - und notwendig. Denn Missstände müssen angeprangert werden, wenn uns unsere Kultur und unsere Meinungsfreiheit etwas bedeutet. Auch wenn die Welt dadurch keine andere wird. Eben: Provokationen und Prügeleien könnt ihr schon auf dem Spielplatz beobachten. Es hat beides schon immer gegeben, und das wird sich kaum je ändern. Meine Kinder werden in zwanzig Jahren keine bessere Welt vorfinden, als sie früher war, und als sie heute ist. Aber auch keine schlechtere.

Im Dossier: Alle «Der ganz normale Wahnsinn»-Blog