Der ganz normale wahnsinn

Der ganz normale Wahnsinn

Kids und Job unter einen Hut bringen? Easy! Oder doch nicht?

Paris ist überall - nur nicht bei meinen Kindern

Wenn etwas geschieht wie dieser Tage in Paris, betrifft das jeden von uns. Auch Sandra C. hat irgendwie das Gefühl, sich dazu äussern zu müssen. Nur wie? Denn die Kinder der Familienbloggerin interessiert das Thema genau - gar nicht!
Je suis Paris Attentat Terror Blog
© Keystone

Die Angst vor einer Zahnspange ist bei den Kindern von Sandra C. noch grösser als die vor dem Terror. Und das ist gut so, findet die Bloggerin.

Paris ist überall! Wir sind Paris! Wir legen alle einen blau-weiss-roten Filter über unser Facebook-Profilbild. Und auch wenn ich letzteres nicht getan habe - aus dem einfachen Grund, dass es mir zu banal erschien, mit einem simplen Klick ausdrücken zu wollen, was für eine Tragödie da geschehen ist - will ich irgendwie irgendetwas sagen dazu. Etwas schreiben. Irgendetwas. Auch wenn mir die Worte fehlen.

«Wie soll ich meinen Kindern erklären, was da geschehen ist?», lese ich in anderen Blogs. Zeitungs-Artikel, TV-Sendungen, Online-Portale geben Tips, schreiben ganze Listen, wie man Kindern altersgerecht erklärt, warum irgendwelche Fanatiker ihnen unbekannte Leute niedermetzeln. Der wichtigste Rat: Beantwortet den Kindern genau die Frage, die sie stellen. Versucht keine politischen oder gesellschaftlichen Analysen, die sie nicht verstehen. Und was, frage ich mich, wären denn die Antworten auf diese Fragen? Warum töten Menschen andere Menschen? Aus Wut. Aus Fanatismus. Aus Frust. Einfach so. Ich weiss es nicht.

Ich warte also drauf, dass meine Kinder fragen. Sie sehen mir über die Schultern, wenn ich am Computer sitze, sehen die blau-weiss-roten Facebook-Profile. Sie fragen nichts. Sie schielen in meine Zeitung, sehen die Bilder, die Schlagzeilen. Sie fragen nichts. Sie kommen zum Gute-Nacht-Sagen, als die Tagesschau läuft, sehen die Bilder, hören die Kommentare. Sie fragen nichts. Soll ich fragen, frage ich mich. Soll ich meinen Kindern die aktuellen  Geschehnisse aufdrängen? «Das da ist in Paris», sage ich zu meiner Tochter, als das Bild von Trauernden, die Blumen niederlegen, über den Bildschirm flimmert. «Da wo Fabrice und Dominique wohnen?», fragt sie. «Ja.» - «Geht es ihnen gut?» - «Ja, ihnen ist nichts passiert.» - «Gut. Gute Nacht!»

Dann, auf dem Weg nach Hause vom Zahnarzt. Nachrichten im Autoradio. Der Eiffelturm wurde wieder geschlossen. Paris. Paris ist überall. «Mami?», fragt meine Tochter, und ich sehe im Rückspiegel, dass ihr die Tränen über die Wangen laufen. Jetzt kommts - schlimmer, als ich es mir hätte ausmalen können. «Brauche ich wirklich eine Zahnspange?» Ich atme erleichtert aus - und muss lachen. Worauf sie mich wütend anfährt: «Im Ernst, ey, hast du schon mal ‹Nerd› gegoogelt? Rote Haare, Sommersprossen, Zahnspange, Brille! Wenn ich eine Spange habe, fehlt mir nur noch die Brille, Mann!» Im Ernst, ey - auch wenn es euch nicht zu den interessiertesten, nachdenklichsten Kindern des Planeten macht, bin ich im Moment froh, macht ihr euch keine anderen Gedanken. Denn solange eure Angst vor Zahnspangen noch grösser ist als die vor dem Terror, haben die Terroristen noch nicht gewonnen.

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