Der ganz normale wahnsinn

Der ganz normale Wahnsinn

Kids und Job unter einen Hut bringen? Easy! Oder doch nicht?

Plötzlich kein Prinzesschen mehr

Familienbloggerin Sandra C. muss sich neuerdings mit einer Vorpubertierenden herumschlagen. Das ist nicht immer ganz einfach. Besonders frühmorgens.

Meine Tochter ist acht Jahre alt. Besser gesagt, sie ist achteinhalb. Dieses halbe Jahr ist wichtig - denn innerhalb der letzten sechs Monate ist sie irgendwie vom kleinen Mädchen zum Vor-Teenie mutiert. 

Ihre Vorbilder sind keine Prinzessinnen in rosa Kleidchen mehr. Sie will nicht mehr «süss» sein, sondern «cool». Das ist für mich an und für sich in Ordnung, so müssen wir beim Kleiderkaufen nicht mehr stundenlang darüber diskutieren, dass ich ihr keine rosa Tüll-Kleidchen kaufen will, die sie innerhalb von Tagen zerreisst, weil sie darin auf Bäume klettert. Ihr momentaner Kleiderstil: Hauptsache bequem. Wehe, etwas ist ihr irgendwie zu eng - was ironischerweise vor allem bei den Socken der Fall zu sein scheint. Wir verbringen jetzt jeden Morgen zehn Minuten damit, uns über Socken zu streiten, beziehungsweise darüber, dass man welche anziehen muss, solange keine hochsommerlichen Temperaturen herrschen. 

Je früher der Morgen, desto pubertärer ihr Verhalten. Meine Tochter war schon immer schwer aus den Federn zu kriegen. Dass sie aber morgens eine Laune hat wie ihr Vater, wenn YB verloren hat, ist relativ neu. Oft sagt sie in der Stunde zwischen Aufwachen und Schulbeginn genau einen Satz zu mir, den sie alle paar Minuten wiederholt. 

Ich: «Schau, es hat geschneit.» Sie: «Läck, du nervsch!»

Ich: «Wo sind deine Turnsachen?» Sie: «Läck, du nervsch!»

Ich: «Nimmst du das Kickboard mit?» Sie: «Läck, du nervsch!»

Es gibt aber auch Morgen, an denen sie lediglich genervt die Augen rollt, wenn ich etwas sage. Dabei gibt es jemanden, der ihr noch mehr auf die Nerven geht als ich: ihren Bruder. Für ihn hat sie meist genau ein Wort übrig: «Arschloch!» Seltsamerweise hält ihre schlechte Laune genau so lange an, bis sie auf dem Pausenplatz einmarschiert. Kaum sieht sie ihre Freunde, ist sie strahlend und gut gelaunt. 

Hand in Hand mit ihrer Vorpubertät geht die Angst, in ihrer Freizeit allein mit ihrer Familie zu Hause zu hocken. Das ist für sie nur dann einigermassen erträglich, wenn sie «ein bisschen im Internet surfen darf.» («Kommt nicht in Frage. Du darfst ins Netz, wenn du weisst, was du suchst, ich es dir erlaube und daneben sitze.» - «Läck, du nervsch!») So komme ich mir regelmässig vor wie das Privatsekretariat meiner Tochter, wenn ich die Anrufe ihrer Freundinnen und Freunde entgegennehme. Letzthin hat einer angerufen, um ein «Date» abzusagen, von dem ich nicht mal was wusste. Und wenn mal keiner anruft, überlegt sie in Panik, mit wem sie noch telefonieren könnte, um die zwei verbleibenden Stunden zwischen Hausaufgaben und Abendessen nicht mit ihrer nervigen Mutter und ihrem doofen Bruder verbringen zu müssen. 

Erste Anzeichen dieser Vorpubertät machten sich bereits in den letzten Herbstferien bemerkbar, als sie abends unbedingt mit den Söhnen meiner Freunde in den hoteleigenen Teenager-Club wollte. «Warum nicht? Die dürfen auch!» - «Die sind fünfzehn. Du bist acht.» - «Na und?» - «Was, na und?» - «Läck, du nervsch!». 

Vor einiger Zeit dachte ich, ich müsse mich mal in der Schule erkundigen, ob sie den Lehrern das Leben genau so schwer macht wie gelegentlich ihrer Familie. Aber siehe da - ihr Lehrer findet sie im Grossen und Ganzen eine total normale Achtjährige. Sie schaffe es, die ganze Mathestunde lang mit ihrem Banknachbarn zu schwatzen, und trotzdem Wort für Wort zu wiederholen, was der Lehrer gerade gesagt hat, wenn er sie dazu auffordert. Trotzdem hat sie vor kurzem ihre erste Strafaufgabe aufgebrummt gekriegt. Ihr Vergehen: Sie hat einem Schulkollegen, der an der Tafel eine Aufgabe lösen musste, zugerufen: «Houston, wir haben ein Problem: Zu wenig Talent!» 

Lustigerweise wird sie gegen Abend immer öfter wieder von der Vorpubertären zum kleinen Mädchen. Sobald sie ihre coolen Klamotten ausgezogen hat, möchte sie noch eine Weile mit ihren Barbies spielen, dann ein Kapitel aus dem «Kleinen Wassermann» hören. Und einschlafen kann sie nur, wenn sie ihren geliebten, alten Plüschhund im Arm hat und ihre Kasperli-CD läuft. Zum Glück. Denn ein winziges bisschen weine ich meiner kleinen Prinzessin schon nach. 

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