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Der ganz normale Wahnsinn

Wie bringt Sandra C. Kids und Job unter einen Hut? Easy! Oder doch nicht?

Pubertät, Runde zwei

Die Welt unserer Familienbloggerin steht mal wieder Kopf. Ihr Sohn, ihr Sonnenschein, ihr Kleiner - pubertiert! Und zwar richtig. Und für Sandra C. ist nichts mehr, wie es war. Denn «der Kleine» war immer das Kind, das sie verstand, weil er genauso ist wie sie. Jetzt versteht die Familienbloggerin nicht mehr viel. Ein Brief an ihr «Baby».

Mein lieber Kleiner,

ich dachte wirklich, diesmal wirds nicht so tragisch. Als deine Schwester vor gut drei Jahren aus – für mich – heiterem Himmel in die Pubertät rutschte, hat mich das echt auf dem linken Fuss erwischt. Ich dachte, das kommt langsam, kontinuierlich. Aber es war plötzlich da, Bang! Über Nacht.

Die Minderwertigkeitskomplexe, die depressionsähnlichen Zustände, die Traurigkeit, die Tränen. Ich hätte tagelang heulen können mit ihr. Auch weil ich wusste, was sie durchmachte. Ich kannte das alles. Die grundlose Traurigkeit, das Gefühl, nichts wert zu sein. Ich konnte mich erinnern und wusste, dass es nichts mit mir zu tun hatte.

Du, das Kind, das zu 95 Prozent ich ist - du siehst aus wie ich, du bist wie ich, du fühlst wie ich

Und jetzt kommst du. Du, das Kind, das ich eigentlich gar nicht unbedingt wollte. Du, das Kind, das sich trotz Verhütung bei mir eingenistet hat. Du, das Kind, das mir seit über zwölf Jahren täglich einen Spiegel vorhält. Du, das Kind, das zu 95 Prozent ich ist – du siehst aus wie ich, du bist wie ich, du fühlst wie ich. 

Darauf, dass auch bei dir die Pubertät von heute auf morgen einsetzt, war ich vorbereitet. Darauf, dass ich wieder auf dem linken Fuss erwischt werde, nicht. Deine Schwester ist anders als du und ich. Sie gleicht äusserlich und in der Art ihrem Vater, ist viel taffer und rationaler als wir beide. Das Einsetzen der Pubertät hat sie aus der Bahn geworfen – und ich hab sie verstanden.

Die Familienbloggerin kann die Schmerzen nachfühlen

Und jetzt kommst du. Und zum ersten Mal versteh ich überhaupt nichts mehr. Oder nicht mehr viel. Ich verstehe deine Schmerzen, und könnte heulen, wenn dir die Wachstumsschmerzen in Beinen und Rücken die Tränen in die Augen treiben. Oder wenn du sagst, du würdest nie eine Freundin haben, weil du zu hässlich seist. Wer redet dir bloss so einen Scheiss ein? Du bist der schönste Bub der Welt! 

Es gibt Tage, da lege ich dir die Welt zu Füssen – und du bist wütend auf mich

Was ich nicht verstehe: Deine permanent schlechte Laune. Deine ständige Wut. Du bist wütend auf alles und jeden, flippst wegen Kleinigkeiten aus. Dieses Gefühl kenne ich nicht. Weder von dir noch von mir. Oder höchstens wenn ich hinterm Steuer sitze – und da ist der Ärger gerechtfertigt! (Fast immer. Es gibt so viele Idioten auf der Strasse!)

Es gibt Tage, da lege ich dir die Welt zu Füssen – und du bist wütend auf mich. Und ich weiss nicht warum. Und ich könnte heulen. Und ich weiss nicht genau, wieso. Weil ich mich hinterfrage. Weil ich mich schuldig fühle. Weil ich dich nicht so verstehe, wie ich dachte, dass ich das tue. Weil du endgültig kein Baby mehr bist.

Der Weg zum jungen Mann ist noch weit

Tja, mein lieber Kleiner. Du schläfst zwar noch mit deinem Kuscheltier im Arm ein. Aber ein Baby bist du definitv nicht mehr. Das ist traurig. Aber auch schön. Wir haben noch viel vor uns. Und jedesmal, wenn du die Augen rollst, wenn ich etwas sage, wenn du einen Wutanfall hast, weil es keine Schokolade im Haus hat, oder wenn du frustriert dein Handy in die Ecke schmeisst, wegen was auch immer, denke ich daran, dass das dein Weg zum jungen Mann ist. Zu einem Mann, auf den ich uneingeschränkt stolz sein werde, wie und was immer er auch sein möge. Aber ein paar Nerven werde ich wohl noch brauchen, bis es soweit ist.