Der ganz normale wahnsinn

Der ganz normale Wahnsinn

Kids und Job unter einen Hut bringen? Easy! Oder doch nicht?

Die Schuld-Frage oder: Ich bin ich

Im letzten Blog liess Sandra C. verlauten, dass ihr das Dauergejammer über das beschwerliche Mami-Dasein so langsam auf die Nerven geht. Daraus ergaben sich einige spannende Diskussionen über mütterliche Überforderung. Die Familienbloggerin fragt sich, ob tatsächlich die überhöhten Ansprüche der «Gesellschaft» die Schuld an ihr trägt. Oder ob man nicht doch zuerst mal bei sich selbst anfangen sollte.
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Wer mit sich klarkommt, hats besser im Leben.

Bevor mir jetzt jemand vorwirft, ich hätte keine Ahnung, wovon ich rede: Doch, habe ich. Ich war nämlich auch schon an diesem beschissenen Punkt in meinem Leben, an dem ich alles in Frage stellte. Nicht das Dasein meiner Kinder, aber alles andere. Ich hatte das Gefühl, in den letzten Jahren alles falsch gemacht zu haben. Die Kinder falsch erzogen, meine Karriere vernachlässigt, mich selbst nicht genug wichtig genommen. Ich war «Mami von», «Partnerin von», «Angestellte von» ­ so hatte ich mich auch selbst jahrelang definiert. Und plötzlich wachte ich eines Morgens auf und war nicht mehr glücklich damit. Und ich heulte nächtelang durch, weil ich nicht wusste, was eigentlich los war mit mir. Ich war überfordert. Und zum ersten Mal seit Jahren gezwungen, mich mit mir selbst zu beschäftigen. Was ich dabei herausfand: Es waren nicht die Kinder, die mich überforderten, auch nicht der Job und auch nicht die Kombination von beidem. Die einzige Person, mit der ich nicht klarkam, war ich selbst.

Warum ich das erzähle? Weil es einfach ist, alles immer den anderen in die Schuhe zu schieben. Und «die Gesellschaft» hält ja auch immer so schön hin als Prügelknabe, wenn einem nichts anderes mehr einfällt. Wie schon öfter erwähnt, bin ich zwar durchaus auch der Meinung, dass unser Land uns das Leben als Mutter ­ insbesondere als berufstätige Mutter ­ nicht gerade leicht macht. Aber das ist noch lange kein Grund, heulend den Kopf in den Sand zu stecken (was nicht heisst, dass man die herrschenden familienunfreundlichen Zustände nicht immer wieder anprangern soll).

Und wer ist denn überhaupt diese «Gesellschaft»? Meine Nachbarin, die zu jedem Schulfest vier verschiedene selbstgebackene Kuchen mitbringt, und ihrem Jüngsten selbstverständlich ausschliesslich selbst gekochtes Biogemüse serviert? Die Kindergärtnerin meines Sohnes, die findet, es sei halt schon schwierig für einen Jungen, wenn das Mami so viel arbeitet? Meine Vorgesetzten, die mich immer wieder mal spüren lassen, dass sie mir als Mutter nicht mehr das gleiche zutrauen wie vorher? Die gefühlten 7465 Ratgeber, die sich auf dem Markt tummeln, und mir erzählen, es sei von immenser Wichtigkeit, meinen Kindern Grenzen zu setzen und sie gleichzeitig machen zu lassen, worauf immer sie Lust haben? Ganz ehrlich: All das war mir schon immer herzlich egal.

Schuld an meinem Zustand der Überforderung waren nicht meine Nachbarin, die Kindergärtnerin oder meine Chefs. Auch nicht irgendwelche Ratgeber, und schon gar nicht meine Kinder. Ja, es ist anstrengend, familiäre und berufliche Pflichten unter einen Hut zu kriegen. Aber das ist es nicht. Ich habe schon nicht berufstätige Mütter mit Putzfrau und Nanny erlebt, die überfordert sind. Überforderung entsteht im Kopf, nicht auf dem Terminplan. Stress im Übrigen auch. Ich musste nicht mein Leben ändern, sondern die Art und Weise, wie ich mich selbst wahrnehme. Und zwar unabhängig von meiner Familie, und unabhängig von meinem Job. Es sind ganz kleine Dinge. Stellte ich mich zum Beispiel noch vor zwei, drei Jahren automatisch so vor: «Sandra, Mutter von...» oder «Sandra, Journalistin bei...», tue ich das heute immer nur mit meinem Namen. Meine Familie gehört zu mir, mein Job auch, ­ aber sie sind nicht ich. Und ich als ich habe irgendwann beschlossen, mich nicht wegen jedem Scheiss zu hinterfragen. Mich nicht zu oft über mich selbst aufzuregen, dafür mehr über mich selbst zu lachen. Und mich nicht mehr ausschliesslich über meine Familie und meine Arbeit zu definieren.

Klar darf man sich auch mal über das anstrengende Mutterdasein beklagen, und auch mal über die «Gesellschaft», die offenbar so viele von uns dermassen unter Druck setzt. Mache ich ja auch ­ und auch gerne sehr laut und mit Wonne. Aber wer sich immer nur beklagt, muss etwas ändern. Und damit bei sich selbst anfangen. Dabei geht es nicht um die berühmte Zeit für sich selbst, von der so viele Mütter sagen, dass sie ihnen fehlt, ­ auch wenn ein paar Tage Wellness ohne Kinder natürlich nicht schaden (oder nur schon ein Schaumbad, in dem nicht nach zwei Minuten noch mindestens ein Kind sitzt). Eine der wichtigsten Lektionen, die ich gelernt habe, ist scheinbar ganz einfach, aber eben oft ziemlich schwierig: Man muss mit sich selbst klarkommen. Wer das nämlich nicht kann, findet auch niemand anderen, der es tut.

Im Dossier: Alle «Der ganz normale Wahnsinn»-Beiträge von Familienbloggerin Sandra C.