Der ganz normale wahnsinn

Der ganz normale Wahnsinn

Kids und Job unter einen Hut bringen? Easy! Oder doch nicht?

Wenn Mama eine Reise tut

Reisen gehört zum Job von Sandra C. Zwar nicht alle zwei Wochen und meist auch nicht länger als drei, vier Tage, aber die Familienbloggerin ist doch ab und zu unterwegs. Und ja, sie freut sich jeweils auf diese kinderlosen Trips. Und hat nicht mal ein schlechtes Gewissen deswegen.
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© Getty Images

Das Schönste für Bloggerin Sandra C., wenn sie ohne Familie auf Reisen ist: Für einmal die Verantwortung abgeben. 

Ich schreibe diesen Blog in einem Flugzeug. Hoch über den Wolken und tausende Kilometer weg von meiner Familie. Fit und erholt. Hab ich gut geschlafen letzte Nacht. Ein ganzes Hotelzimmerbett nur für mich allein. Keine Diskussionen wegen der Schlafenszeit. Und auch wenn ich morgens rausmusste - ich wachte vor dem Wecker auf. Das tu ich in der Regel auch zu Hause. Da brüllt mir nämlich regelmässig (auch sonntags) ein liebliches Kinderstimmchen «Oviiiii! Jetzt!» ins Ohr.

Ob ich meine Kinder vermisse, wenn ich unterwegs bin? Ja, das tu ich. Nicht in einer Stein-auf-dem-Herzen-und-Tränen-in-den-Augen-wenn-ich-an-sie-denke Art und Weise. Aber ich denke öfter, das wäre toll, wenn meine Kids das auch erleben könnten. Das Seltsame daran, wenn man geschäftlich verreist, ist, dass man abends keinen Feierabend hat. Beziehungsweise dass man seinen Feierabend mit Kollegen oder auch mal allein verbringt statt mit Familie und Freunden. Und da erzählt man sich dann nicht von seinem Tag, schliesslich hat man ihn zusammen verbracht. Dabei würde man grad nach einem erlebnisreichen Tag gern jemandem davon erzählen.

Klar, man kann telefonieren, skypen, facetimen. Das wird auf diesem Trip (einem der ganz wenigen, die länger als die üblichen drei, vier Tage dauern) dadurch erschwert, dass ich mich in einer anderen Zeitzone befinde als meine Familie. Wenn ich Feierabend habe, ist bei ihnen Nacht. So hat meine Tochter gerade vorher am Flughafen versucht, mich per Facetime zu erreichen (ein kurzes Nachrechnen der Zeit - warum ist das Kind nicht in der Schule? Na ja, ist ja diese Woche nicht mein Problem!). Ich weiss, dass sie vermutlich enttäuscht war, dass sie mich nicht erreicht hat, aber ich finde, es gibt einfach Zeiten und Orte, die sich nicht soooo eignen, um mit seinen Kindern zu kommunizieren. Ganz im Gegenteil zu dem Typen, der hinter mir ins Flugzeug stieg und während des Boardens mit seinem kleinen Sohn facetimte: «Haaaaaaallo Süsser, butzidu, guguguuuuuuuu! Wie geht es dir? Ja, ich steige gerade in ein Fluzeug. Ein echtes, siehst du? Hier ist es. Und hier ist die nette Frau, die im Flugzeug arbeitet. Sag mal hallo», und hielt der völlig konsternierten Flight Attendant sein Handy ins Gesicht. (Wenn man etwas lernt auf Reisen: Es gibt nichts, was es nicht gibt…)

Gut, meine Tochter hat vermutlich eh nur angerufen, um sich zu vergewissern, dass ich ihre Einkaufsliste nicht verloren habe. Ursprünglich war der Deal mal, dass ich jedem Kind «eine Kleinigkeit» mitbringe wenn ich jeweils zwei Nächte oder mehr weg bin. Dass diese Liste noch als «Kleinigkeit» durchgeht, bezweifle ich: Sneakers, Shirts, Lipgloss, Kopfhörer. Nicht zu vergessen, das Gespräch, das ich deswegen mit meinem Sohn hatte: «Und was willst du?» - «Ein Hoverboard.» - «Das ist keine Kleinigkeit. Ausserdem passts nicht in meinen Koffer.» - «Immer kriegt sie alles und ich nichts!» - «Erstens hat sie noch gar nichts gekriegt und du kannst ja auch deine Wünsche äussern. Willst du Sneakers?» - «Nein.» - «Shirts?» - «Nein.» - «Kopfhörer?» - «Nein.» - «Was willst du dann?» - «Ein Hoverboard». Das Kind macht mich wahnsinnig. Ich werde ihm eines dieser Shirts mitbringen, auf denen steht: «My mum was in Miami and all I got was this lousy T-Shirt.» Selber schuld.

Was aber am allerschönsten ist an einer solchen Reise: Für einmal komplett die Verantwortung abzugeben. Und darin bin ich mittlerweile echt gut geworden. Als die Kinder noch kleiner waren, schrieb ich zuvor unzählige Listen mit allen Details (Gut, das tu ich immer noch, aber nicht mehr ganz so panisch. Ich hab gelernt, Wichtiges von Unwichtigem zu unterscheiden. Mal eine Frühstunde verpassen: nicht so tragisch. Eine Woche lang die Kaninchen vergessen zu füttern: tragisch.) und rief immer mal wieder an, um zu kontrollieren, ob alles glatt lief. Oder sogar, um Klavierstunden zu verschieben oder Playdates mit Freunden zu arrangieren. Das tu ich heute nicht mehr. None of my business. Die kommen nämlich ganz gut ohne mich zurecht. Während mich dieser Gedanke früher stresste, freut er mich heute.

«Freust du dich eigentlich, dass ich weggehe?», fragte ich meine Tochter vor ein paar Tagen. «Weisst du», wiegelte sie ab. «Ich glaube, ich bin da wie Hermine. Die ist auch froh, wenn sie ab und zu Ruhe vor mir hat. Aber wenn ich dann wiederkomme, hat sie Freude.» Find ich gut. Denn irgendwie ist es ja auch beruhigend zu wissen, dass nicht nur ich es manchmal geniesse, etwas Ruhe vor den Kindern zu haben, sondern auch umgekehrt.

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