Der ganz normale wahnsinn

Der ganz normale Wahnsinn

Kids und Job unter einen Hut bringen? Easy! Oder doch nicht?

Das Trauma meiner Kindheit

Ein neues Jahr hat begonnen. Wieder 365 Tage voller Stolpersteine und potenzieller Erziehungsfehler. Familienbloggerin Sandra C. überlegt sich zu Jahresbeginn, ob sie für ihre Kinder Konti für allfällige spätere Psychotherapien anlegen soll. Vielleicht muss ja irgendwann irgendwer wieder geradebiegen, was sie täglich verbockt.
Blog Sandra C: Kind isst Chips
© Getty Images

Ob der Sohn von Familienbloggerin Sandra C. irgendwann ein Chips-Trauma erleiden wird?

Grundsätzlich gehts uns ja allen gleich: Wir treffen jeden Tag Entscheidungen, kleinere und grössere, und tragen die Konsequenzen. Wenn wir etwas verbocken, müssen wirs ausbaden, das ist relativ einfach. Für Eltern ist es ein bisschen komplizierter: Wir treffen nicht nur für uns selbst Entscheidungen, sondern auch für unsere Kinder. Und wenn wir etwas verbocken, müssen sie es ausbaden. Vielleicht nicht heute oder morgen, aber irgendwann. Eltern machen Fehler. Und zwar jeden Tag.

Manchmal merkt man sie sofort ­- das Klavier anstelle des E­Pianos mit Kopfhörern war eine ganz blöde Idee ­, manchmal schreien sie dir Jahre später «Arschloch» ins Gesicht. (Nicht wortwörtlich, Gott sei Dank, das trauen sich meine Kinder nur untereinander. Aber so ein vorpubertäres «bisch eigentlich hobbylos» in meine Richtung kann nur mit einem Erziehungsfehler meinerseits zu tun haben ­ auch wenn ich keine Ahnung habe, was meine Tochter mir damit eigentlich sagen wollte.) Und manchmal kommen sie erst zum Vorschein wenn man erwachsen ist.

Wenn wir ehrlich sind, schleppen wir doch alle irgendwelche Kindheitstraumata mit uns herum. Grössere,­ wie die nicht wirklich friedliche Scheidung meiner Eltern, und kleinere, wie die Tatsache, dass ich mich noch heute schäme, wenn ich im Restaurant ein Glacé und ein Getränk bestelle, da es in meiner Kindheit immer hiess: «Entweder oder, es gibt nicht beides!» Dies galt auch auf der Skipiste: Ein heisses Getränk zum Aufwärmen vor dem Mittagessen lag nicht drin, also bestellte ich die warme Schoggi anstelle eines Rivellas zu Wienerli und Pommes Frites.

Dieses Trauma zeigte sich Jahrzehnte später in meiner ersten Schwangerschaft. Die nette Bedienung im gediegenen Restaurant zuckte zum Glück nicht mit der Wimper, als ich zum Rindsfilet Pommes und eine heisse Schokolade bestellte. Das Gute -­ oder das Fatale ­- an solchen Kindheitstraumata ist, dass man sie seinem eigenen Nachwuchs nie antun möchte. So schaue ich heute fast ein bisschen gerührt zu, wenn mein Sohn Paprikachips in seine warme Ovi tunkt, im Wissen, dass ich ihm das rein erzieherisch gesehen eigentlich verbieten müsste. Vermutlich verlässt ihn irgendwann seine erste grosse Liebe, weil sie seinen Paprikachips-­in­-Ovi­-Tick einfach nur grusig findet. Und ich habe ihm dann sozusagen das umgekehrte Kindheitstrauma von meinem verpasst.

Natürlich versuche ich, die richtigen Entscheidungen für meine Kinder zu treffen. Aber was heute richtig scheint, entpuppt sich vielleicht irgendwann als total falsch. Wer weiss ­vielleicht isst meine Tochter irgendwann gar kein Gemüse mehr, weil sie als Kind immer dazu gezwungen wurde, und leidet dann an furchtbaren Mangelerscheinungen. Oder mein Sohn erzählt seinem Therapeuten, er werde nie richtig ernst genommen, schon seit seiner Kindheit nicht. Wenn er nämlich damals seiner Mutter erzählt habe, was man ihm Böses angetan habe, sei immer sofort die Frage gekommen: «Und was hast du gemacht?»

Als Mutter stellen sich mir jeden Tag unzählige Fragen. Einmischen, wenn sie streiten, oder machen lassen? Helfen oder warten, bis sie es selbst irgendwie hinkriegen? Verbieten oder erlauben? Ja oder nein? Vermutlich sind mindestens fünfzig Prozent der Entscheide, die ich jeden Tag für meine Kinder treffe, falsch. Deshalb überlege ich mir, ob ich eben für jedes von ihnen ein Konto anlegen soll, damit sie später anfallende Psychotherapien bezahlen können. Auch wenn ich die leise Hoffnung hege, dass das nicht nötig ist. Bei mir war er das nicht ­ ich komme recht gut mit meinen Kindheitstraumata zurecht.

Also, Mama, falls du je so ein Konto angelegt hast für mich: Ich brauch die Kohle nicht. Du kannst sie direkt auf die entsprechenden Konti deiner Enkel weiterleiten. Ich leg dann noch was drauf, und falls sie es auch nicht brauchen, können sich meine Enkel dereinst ­ rein finanziell ­ einen riesigen Dachschaden leisten!

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