Der ganz normale wahnsinn

Der ganz normale Wahnsinn

Kids und Job unter einen Hut bringen? Easy! Oder doch nicht?

«Ich bin nicht du!»

Als kleines Mädchen wollte die Tochter von Sandra C. genau so sein wie ihre Mama. Heute will sie vor allem eines: all das nicht sein, was ihre Mutter ist. Für die Familienbloggerin ist diese Ablösungsphase schmerzhaft, aber irgendwie auch schön.
Familienblog Sandra C. Mutter Tochter Ablösungsprozess
© Getty Images

Es gibt Tage, da will die Tochter von Sandra C. das Gegenteil ihrer Mutter sein.

Ganz ehrlich: Wenn irgendjemand anderes mir gegenüber so wäre, wie meine Tochter es gerade manchmal ist, würde ich ihm geradeheraus eine reinhauen. Es gibt Tage, da kommentiert sie jeden meiner Atemzüge: «Warum schnaufst du so?», «Warum lachst du so laut?», «Warum läufst du so komisch?», «Warum sprichst du so blöd?», «Warum sagst du so doofe Sachen?» Was immer ich auch sage, mache, anziehe - sie findets unendlich peinlich. Und wehe, ich versuche, ihr einen Rat zu geben. Wenn ich sage: «Also, ich würde…» blockt sie sofort ab: «Ich bin nicht du!» Ich hab das Gefühl, sie ist im Moment extrem darauf bedacht, genau das Gegenteil von dem zu sein, was ich bin.

Dabei kommt es mir vor wie gestern, als sie genau so sein wollte wie ich. Als wir stundenlang durch Kleiderläden zogen, um ein möglichst ähnliches Kleid für sie zu finden wie ich eines habe. Als sie sich freute, wenn ich ihr bei der Tennisstunde zuschaute und am Wochenende fröhlich mit mir über den Vitaparcours trabte. Als sie neben mir in der Küche stand und mir eifrig half, Gemüse zu schnippeln. Vor ein paar Tagen hat sie eine Jacke aus ihrem Kleiderschrank verbannt - weil ich eine ähnliche habe. Mit Tennis und Fussball hat sie aufgehört, weil sie keine Lust mehr habe. Meinen «Sportwahn», wie sie es nennt, findet sie «bescheuert» (dabei trainiere ich immer morgens, wenn sie noch schläft, das tangiert sie also nicht wirklich). Gemüse rüsten findet sie - ihr ahnt es - völlig daneben, und Gemüse an und für sich auch. Überhaupt ist alles, was ich koche, nicht wirklich zu ihrer Zufriedenheit. Ausser es handelt sich um Pasta mit Tomatensauce, da fällt ihr kein Grund zum Mäkeln ein.

Es gibt Tage, an denen ich darüber lachen kann, dass sie mich dermassen offensichtlich provoziert. Und es gibt solche, da verletzt es mich. Auf der anderen Seite finde ich es toll, dass sie versucht, ihren eigenen Weg zu gehen. Irgendwie hab ich das Gefühl, früher war es für uns einfacher, uns von unseren Müttern abzugrenzen. Sie waren einfach immer anders, kleideten sich anders, machten andere Sachen. Meine Eltern schüttelten die Köpfe über meine Fetzenjeans. Heute schüttelt meine Tochter den Kopf über meine Fetzenjeans. Eltern ziehen sich heute nicht mehr so viel anders an als die Kids (was zu einem guten Teil auch an der Auswahl in den Läden liegt), haben ähnliche Hobbys, sind nicht mehr so eindeutig Respektspersonen wie früher (siehe vorheriger Blog). Kein Wunder, dass da die Suche nach dem eigenen Ich irgendwann in erster Linie mit der Loslösung von den Eltern zu tun hat. Was mich dabei manchmal stresst: Zu ihrem Vater ist sie nicht so. Was aber vermutlich nur heisst, dass sie sich als Mädchen doch eher mit ihrer Mutter identifiziert.

Trotz allem gibt es sie noch, die raren Momente, in denen meine Tochter meine Nähe sucht. Und wenn ich dann dieses 150-Zentimeter-Kind mit Schuhgrösse 37 im Arm habe, kommen mir fast die Tränen. Weil sie nicht mehr mein kleines Mädchen ist. Aber auch, weil ich stolz bin auf sie. Auf ihr Selbstbewusstsein. Darauf, dass sie selbst entscheiden möchte, was sie für richtig hält. Auch wenn das momentan auf meine Kosten geschieht. Einen Trost habe ich ja noch: Sie ist immer noch zu einem guten Teil abhängig von mir. Zum Beispiel, wenn sie etwas über mein iTunes-Konto auf ihren iPod laden möchte. Oder wenn sie ein «Taxi» zu einer ihrer Freundinnen braucht. Dann ist sie gezwungen, nett zu mir zu sein. Wenigstens ein bisschen.

Im Dossier: weitere «Der ganz normale Wahnsinn»-Blogs.