Der ganz normale wahnsinn

Der ganz normale Wahnsinn

Kids und Job unter einen Hut bringen? Easy! Oder doch nicht?

Familienfreundliche Schweiz? Na ja...

Bestsellerautor Remo Largo prangerte diese Woche in einem Interview die Familienunfreundlichkeit der Schweiz an. Und findet, es sei an der Zeit für eine eigene Familienpartei. Eine gute Idee, findet Sandra C. Denn als Mutter fühlt sich die Bloggerin von keiner der Bundesratsparteien wirklich vertreten.
Familienblog Sandra C. Familienpolitik Remo Largo
© Keystone

«Reise ins Paradies»? So kunterbunt wie die Lichtprojektion an der Fassade des Bundeshauses sind auch die Ansichten zu Familienpolitik in der Schweiz.

Schön ist ja, dass sich jede grosse Partei, von links bis rechts, selbst als familienfreundlich sieht. Wobei die SVP unter einer «Familieninitiative» alles versteht, was Frauen möglichst am Herd hält, und die SP zuweilen einfach etwas gar blauäugig politisiert. Und unsere «offizielle» Familienpartei, die CVP, beschäftigt sich ganz gern mal mit Themen, die den Alltag und die Probleme realer Familien kaum betreffen.

Ganz ehrlich, liebe CVP, mir ist völlig Wurst, ob das bisschen an Kinderzulagen, das ich kriege, nun steuerfrei ist oder nicht. Konzentriert euch doch auf die Themen, die uns wirklich etwas bringen. Und heutige Familien - das ist nun mal die Realität, liebe SVP - brechen immer häufiger mit dem traditionellen Modell: Dass je länger je mehr beide Elternteile arbeitstätig sind - ob sie nun wollen oder müssen - ist ein Fakt, den man nicht einfach ignorieren kann. Genau wie die Tatsache, dass Krippen- und Hortplätze horrend teuer sind und Tagesschulen sozusagen nicht existent.

Nun soll ja, zumindest in Zürich, ab übernächstem Jahr das Konzept von bezahlbaren Tagesschulen erprobt werden. Wenigstens finden das mal alle Parteien gut. Ausser die SVP. Und die Weltwoche. Gut, das ist keine Partei, zumindest nicht offiziell. Jedenfalls liess sie vor einiger Zeit Mütter zu besagtem Thema zu Wort kommen. Selbstverständlich ausschliesslich solche, die es ungeheuer wichtig finden, dass der Nachwuchs über Mittag selbst bekocht wird und am Mittagstisch seine Sörgeli loswerden kann. Mich hat zwar niemand gefragt, aber ich erzähle euch trotzdem, wie das bei uns so ist: Meine Kinder haben einen Schulweg von 20 Minuten, wenn sie pressieren. Wenn sie trödeln kann der länger als eine halbe Stunde dauern. Wenn sie um 11.55 Uhr aus haben, sind sie meist nicht vor 12.30 Uhr zu Hause. Um 13.15 Uhr werden sie wieder losgeschickt. Dazwischen motzen sie übers Essen und Gespräche verlaufen meistens so: «Was habt ihr heute Morgen gemacht?» - «Nichts!» - «Aha - in welchem Fach?» - «Weissnich.» - «Aha, und in der Pause?» - «Fussball.» - «Und du?» - «Weissnichmehr, binfertig, kannichgehen, mussnochinsalinesfreundschaftsbuchschreiben». Ihr seht, der Mehrwert für uns als Familie hält sich in diesen 45 Minuten in Grenzen.

Wenn ich ausländischen Freundinnen erzähle, dass hierzulande die Kinder über Mittag nach Hause kommen und danach wieder zur Schule gehen, finden die das mehr als seltsam. Ich weiss, liebe Politiker, ihr macht das nicht so gern, aber schaut doch mal über den eigenen Tellerrand hinaus. Ihr müsst gar nicht so weit schauen. Ein kleines bisschen nach Norden vielleicht. Wie wäre es zum Beispiel mit einem Familienministerium? Wenn Familien tatsächlich so wichtig sind, wie ihr immer sagt, wäre es doch nur logisch, wenn sich ein eigenes Departement um sie kümmern würde. Und auch Largos Idee einer Familienpartei fände ich gar nicht schlecht. Nur in einem bin ich mit ihm nicht einig: Er findet im Interview mit der «Aargauer Zeitung», das alles müssten die Frauen in die Hand nehmen, den Männern traue er das nicht zu. Finde ich gar nicht. Wir Frauen haben lange genug allein gekämpft. Es wird Zeit, dass uns geholfen wird. Auch auf politischer Ebene.

Im Dossier: Alle «Der ganz normale Wahnsinn»-Blogs von Sandra C.