Der ganz normale wahnsinn

Der ganz normale Wahnsinn

Kids und Job unter einen Hut bringen? Easy! Oder doch nicht?

Von Rosa, Hellblau und gleichen Chancen

Seit ein paar Tagen geistert Sandra C. das Schlagwort «geschlechtsneutrale Erziehung» im Kopf herum. Was für ein Bullshit - denkt sich die Familienbloggerin. Kinder wollen nicht «geschlechtsneutral» sein. Und Gleichberechtigung hat nichts damit zu tun, ob ein Mädchen nun gern Rosa trägt oder ein Junge Superhelden mag.
Familienbloggerin Sandra C. über geschlechtsneutrale Erziehung
© Getty Images

Familienbloggerin Sandra C. hält nicht viel von «geschlechtsneutraler Erziehung». Sie lässt ihren Sohn lieber Junge und ihre Tochter Mädchen sein.

Vergangene Woche bloggte ein Vater im «MamaBlog» des «TagesAnzeigers», er möchte seinen Nachwuchs möglichst geschlechtsneutral erziehen. Ok, seine Sache. Klar hat er recht, wenn er sagt, dass die Umgebung unserer Kinder nur so strotzt vor Stereotypen. Babys werden in Rosa oder Hellblau gesteckt und die Spielzeugabteilungen der Warenhäuser sind fein säuberlich in «Jungen» und «Mädchen» unterteilt - mit «Star-Wars»-Legos und Spielzeugautos für die einen und Barbie-Puppen und «My Little Pony» für die anderen. Seine Schlussfolgerung: «Wenn es in fünfzig Jahren noch keine Gleichberechtigung gibt - an uns Eltern wird es nicht gelegen haben. Nein, die Schuld daran tragen dann diejenigen, die mit Rosa und Hellblau Kasse machen.» Sorry, aber ich als Frau empfinde das als Affront. Gleichberechtigung hat nichts mit Rosa oder Hellblau zu tun. Im Gegenteil - Gleichberechtigung heisst, dass Mädchen Mädchen sein dürfen und als solche gleiche Rechte und gleiche Chancen haben wie Jungs. Und umgekehrt.

Ich habe mich an dieser Stelle bereits einmal zu dem Thema geäussert: Mädchen und Buben sind nicht gleich. Das hat - man höre und staune - einiges mit der Natur zu tun: Hätte sie gewollt, dass wir alle gleich sind, hätte sie den kleinen feinen Unterschied nicht geschaffen. (Und wir hätten uns durch Zellteilung fortgepflanzt, was mir angesichts der Geburts-Schmerzen gar keine so üble Option scheint, aber dies nur am Rande.) Kinder definieren sich nicht zuletzt auch über ihr Geschlecht - sehr sogar. Selbstverständlich spielen da Umwelt und Erziehung mit rein. Aber was ist so verkehrt daran, wenn ein Mädchen sich gern schminkt und ein Bub vor jedem Bagger stehen bleibt?

Meine Kinder teilen sich von klein auf ein Zimmer - sie hatten also beide jederzeit Zugang zu Barbie-Puppen und Spielzeugautos. Und ja, mein Sohn hat auch mal mit den Sachen seiner Schwester gespielt: Er hat ihren Barbies die Haare abgeschnitten und ihr Puppenhaus als Parkgarage für seine Autos benutzt. Ganz ehrlich: Ich hätte null Problem damit, wenn er mit Puppen spielen und Rosa tragen würde. Aber er will nicht. Und ich fände es auch völlig okay, wenn meine Tochter lieber im Spiderman-Shirt als im Kleid rumlaufen würde - tut sie aber nicht. Gut, sie spielt Fussball und fährt Skateboard, insofern sorgt sie dafür, dass unsere Familie in Sachen Geschlechtsneutralität doch nicht ganz so blöd dasteht. Puh! (Ah ja, mein Sohn hat seinem besten Freund zum Valentinstag einen Liebesbrief geschrieben - aber das ist wohl wieder ein anderes Thema…) Kürzlich klingelte übrigens dieser Freund an unserer Haustür. Sohnemann öffnete die Türe und sie schwiegen sich eine Weile an. Dann sagte der eine: «Hey, cooles Skateboard!» Und der andere: «Hey, cooler Pulli!» Dann schwiegen sie einander wieder an, bis ich fragte, ob sein Freund nicht eventuell reinkommen wolle. Was ich damit sagen will: Den beiden könnte man eine Ladung Make-up ins Gesicht schmieren und sie in rosa Tutus stecken, sie bleiben, was sie sind: je 125 Zentimeter pures Testosteron!

Warum es mich so hässig macht, wenn Gleichberechtigung mit Geschlechtsneutralität gleichgesetzt wird? Weil genau das im Berufsleben propagiert wird - und Neutralität dabei eigentlich Maskulinität heisst. Frauen, die Minirock tragen, sind selbst schuld, wenn sie nicht ernst genommen werden. Wenn Frauen Karriere machen wollen, müssen sie auch mal das Maul aufreissen und laut schreien, was für geile Sieche sie sind. Wenn Frauen wollen, dass man auf sie hört, müssen sie halt weniger emotional und mehr rational sein. Kurz: Wenn Frauen etwas erreichen wollen, müssen sie so sein wie Männer. Von echter Gleichberechtigung rede ich nicht dann, wenn im Spielzeugregal für Mädchen lärmende Polizeiautos stehen und im Kleidergestell für Jungs rosa Trägershirts. Von echter Gleichberechtigung rede ich dann, wenn ich auch im Minirock und ohne täglich meine Ellbogen ausfahren zu müssen die gleichen Aufstiegschancen habe wie meine männlichen Kollegen. Und davon sind wir noch weit entfernt.

Weitere Blogs von Sandra C. finden Sie im SI-online-Dossier.