Der ganz normale wahnsinn

Der ganz normale Wahnsinn

Kids und Job unter einen Hut bringen? Easy! Oder doch nicht?

Kreatives Desaster

Die Kinder von Familienbloggerin Sandra C. lieben Bastelsendungen. Die Bloggerin selbst hasst sie. Erstens hält sich ihr bastlerisches Talent in sehr engen Grenzen, und zweitens endet jeder kindliche Versuch des Nachmachens unweigerlich in einem Chaos.
Familienblog Sandra C: Kinder basteln kreativ
© Getty Images

Wenn ihr Sohn Textilfarbe auf ihrem Bettlaken ausprobiert, findet Sandra C. das weniger lustig.

Habt ihr eigentlich auch schon bemerkt, dass in diesen unzähligen Kochsendungen, die auf jedem TV-Sender laufen, fast nur Männer kochen? Und irgendwie habe ich auch das Gefühl, dass die fast ausschliesslich von Männern geschaut werden. Ich jedenfalls kenne einige Typen, die sich diese regelmässig reinziehen, aber kaum Frauen.

Doch während keiner dieser Männer je auf die Idee kommen würde, das Gezeigte nachzukochen, ist das bei Bastelsendungen ganz anders. «Fingertips», «Mister Maker» und wie die Favoriten meiner Kinder sonst noch so heissen, machen ihnen weis, sie könnten in Nullkommanichts unglaubliche Kunstwerke zaubern. Die Dinger machen mich wahnsinnig. Da sie dies inzwischen wissen, erkundigen sie sich nicht mehr bei mir, ob wir eventuell irgendwo Alleskleber haben, sondern suchen einfach nach irgendwas, das ihrer Meinung nach ähnlich aussieht. Das Desaster beginnt also bereits beim Beschaffen des Materials. So stopfte meine Tochter einmal das Papier von ganzen vier WC-Rollen ins Klo - weil sie die Rollen zum Basteln brauchte. Es dauerte ewig, bis ich das WC wenigstens so weit hatte, dass der Klempner seine Arbeit verrichten konnte. Dann präsentierten sie mir mal stolz ein selbstgemachtes «Haus». Das Material dafür hatten sie grösstenteils aus dem Abfall geholt - dementsprechend roch ihr Kunstwerk. Jedesmal, wenn ich irgendwo zerschnittene Putzlappen oder Geschirrtücher finde, weiss ich, dass so eine vermaledeite TV-Sendung wieder einen kreativen Schub bei meinem Nachwuchs ausgelöst hat. Wenigstens verschonen sie mittlerweile Vorhänge und Bettwäsche - was nicht immer der Fall war. Seit mein Sohn Textil-Filzstifte auf meinem Bettlaken ausprobierte, verstehe ich da keinen Spass mehr. Und sein «Ich war das aber nicht» konnte ich für einmal ohne Zweifel als blanke Lüge enttarnen - er hat nämlich seinen Namen dazu geschrieben.

Natürlich sehen ihre Werke dann auch selten genau so aus wie im Fernsehen, beziehungsweise, wie sie sich das vorgestellt haben. Das endet dann in bitterer Enttäuschung (meiner Tochter), beziehungsweise in einem ausgewachsenen Wutanfall (meines Sohnes). Dass sie mich gar nicht erst um Hilfe zu bitten brauchen, haben sie aber inzwischen kapiert. Ich kann kaum eine Linie gerade schneiden, geschweige denn Kanten präzise kleben oder was es sonst noch so alles braucht. Das handwerkliche Ungeschick habe ich übrigens von meiner Mutter geerbt. Das Tolle daran war jeweils, dass sie meine Handarbeits-Hausaufgaben wie Sockenstricken oder Häkeln in der Primarschule für mich erledigen konnte, ohne dass jemand merkte, dass gar nicht ich am Werk war. Aber selbst wenn meine Kinder im Basteln einiges talentierter sind als ich, die Sauerei, die sie beim Werkeln veranstalten, ist gigantisch. Leim auf dem Parkettboden, Farbspritzer an den Wänden, Klebstreifen auf jedem erdenklichen Möbel. Wenn wir nächstes Mal umziehen, werde ich für die Renovation ihres Zimmers ihr Sparkonto plündern, ich schwöre!

Ich will ja ihre kreative Ader nicht unterbinden - aber wenn sie dieser Tage fragen, ob sie eine ihrer geliebten Bastelsendungen schauen dürfen, erkundige ich mich jeweils, ob es nicht lieber «Spongebob Schwammkopf» sein darf. Es gibt zwar nichts Nervigeres als wenn dessen Gekicher durchs Wohnzimmer schallt - aber wenigstens muss ich danach keine farbverschmierten Klamotten entsorgen, trete in keine herumliegenden Scheren und muss nicht tonnenweise Klopapier aus dem WC grübeln.

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