Der ganz normale wahnsinn

Der ganz normale Wahnsinn

Kids und Job unter einen Hut bringen? Easy! Oder doch nicht?

Darf ich das?

Manchmal ist das mit dem Bloggen so eine Sache, findet Sandra C. Denn eigentlich würde sie an dieser Stelle jetzt über die Geburtstagspartys ihrer Kinder schreiben. Aber darf man das, fragt sich die Familienbloggerin, während rundherum Bilder von Kindern auf der Flucht, von toten Kindern, einer jeden Mutter das Herz zerreissen?
Sandra C. Blog Familie Kinder
© iStock

Darf man über die eigenen Probleme motzen, wenns anderen Menschen noch schlechter geht, fragt sich Bloggerin Sandra C.

Eines vorweg: Ich werde das Gefühl nicht los, dass an dieser Geschichte irgend etwas nicht stimmt. Ein auf der Flucht ertrunkener kleiner Bub wird am Strand der türkischen Touristenhochburg Bodrum angespült. Eine Fotografin - nach eigenen Aussagen starr vor Schreck - hält drauf und knipst. Das Bild geht viral, die ganze Welt trauert um den kleinen Aylan. Ganz ehrlich: Ich glaube nicht, dass sich das Ganze genau so abgespielt hat. Aber eigentlich spielt es auch keine grosse Rolle. Ein totes Kind ist ein totes Kind ist ein totes Kind. Und ein Kind sollte nicht tot sein. Ob am Strand von Bodrum oder sonstwo. Ob auf der Flucht ertrunken oder nicht. Fakt ist: Aylan ist tot. Er wurde nur drei Jahre alt. Sein Bruder Galip fünf.

Meine Tochter feierte gerade ihren elften Geburtstag. Mein Sohn seinen neunten. Sie hatten die hirnverbrannte Idee, das Licht der Welt zwar mit zwei Jahren Abstand, aber innerhalb der selben Woche zu erblicken. Diese eine Spätsommer-Woche verlangt jeweils eine Extraportion an Organisationstalent und kostet eine Extraportion an Nerven. Und schreit im Anschluss daran geradezu nach einer bloggerischen Abhandlung.

Aber eben. Darf ich das? Darf ich über meinen Schrecken schreiben, als während des Girlie-Geburtstags auf dem Ponyhof eines der Mädchen plötzlich allergisch auf die Tiere reagierte? Über meinen verzweifelten Versuch, eine Horde wilder Schulbuben in den Griff zu kriegen? Andere Familienbloggerinnen haben Briefe an den kleinen Aylan verfasst, statt ihres «normalen» Blogs, Flüchtlingshelfer interviewt oder brachten ihr Entsetzen und ihren Schmerz über das Foto des toten Buben zum Ausdruck - einige weil sie fanden, das darf man nicht zeigen, andere, weil sie fanden, das muss man zeigen.

Schon vor Aylan sind zig Kinder auf der Flucht gestorben. Seit Jahren sterben jeden Tag Kinder, weil sie nicht genügend Trinkwasser haben. Das hat keine Mutter davon abgehalten, darüber zu bloggen, wie anstrengend es ist, mit den eigenen Kindern zu reisen, oder wie man sich schämt, weil das eigene Kind wasserscheu ist.

Auch mir treibt das Foto des kleinen syrischen Buben die Tränen in die Augen. Auch mir zerreissen die Bilder von ängstlich blickenden Flüchtlingskindern das Herz. Darf ich trotzdem über die Geburtstage meiner Kinder schreiben? Ja, finde ich, ich darf. Im Bewusstsein, dass ein perfekt organisierter Kindergeburtstag nichts wirklich Wichtiges ist. Dass es vollkommen egal ist, wenn der Kuchen ein bisschen trocken gerät (ich hab immerhin nach langer Zeit mal wieder den Versuch gewagt, selbst zu backen). Und im Bewusstsein, was für ein unglaubliches Glück ich habe, wenn ein paar zickige Teenager-Mädels und eine Gruppe Drittklässler mit «keiner-ist-so-geil-wie-ich»-Syndrom das einzige ist, was meine Nerven belastet. Happy Birthday!

Im Dossier: Alle Familienblogs von Sandra C.