Der ganz normale wahnsinn

Der ganz normale Wahnsinn

Kids und Job unter einen Hut bringen? Easy! Oder doch nicht?

Lieber Toni Bortoluzzi...

Dass der SVP-Politiker im «Beobachter» sagte, Homosexuelle hätten «einen Hirnlappen, der verkehrt läuft» war blöd. Und das weiss er inzwischen wohl auch. Familienbloggerin Sandra C. stört viel mehr, dass in der Diskussion um die Reform des Familienrechts immer wieder von einer «Norm» gesprochen wird, die es um jeden Preis zu schützen gelte. Und die es so gar nicht mehr gibt.
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Egal, in welcher Konstellation Kinder aufwachsen. Es brauche eine Reform des Familienrechts, findet die zweifache Mutter und Bloggerin Sandra C.

…wahrscheinlich langen Sie sich selbst an den Kopf, dass Ihnen so was Doofes rausgerutscht ist. Sie sagen, sie hätten nichts gegen Homosexuelle, und das glaube ich Ihnen sogar. Aber dazu später. Erlauben Sie mir zuerst, mich Ihnen vorzustellen. Wir haben nämlich einiges gemeinsam. Ich habe, wie Sie, italienische Wurzeln, und bin, wie Sie wohl auch, in einem einigermassen traditionellen Schweizer Elternhaus aufgewachsen. Und noch etwas haben wir gemeinsam: Wir sind beide ganz normal. Sie sind glücklich verheirateter Familienvater von vier Kindern und gehören somit zu den 50 Prozent in unserem Land, deren Ehe nicht gescheitert ist. Ich, Herr Bortoluzzi, gehöre zu den anderen fünfzig Prozent. Nicht, dass meine Ehe gescheitert wäre - ich habs nämlich gar nicht erst versucht. Ich, Scheidungskind, unverheiratet, berufstätige Mutter von zwei Kindern. Und damit gehöre ich keineswegs zu einer Minderheit, sondern bin normaler, als Ihnen vermutlich lieb ist. 

Warum ich nie geheiratet habe? Weil ich nicht an die Ehe als Institution glaube. Selbstverständlich gibt es da eine grosse emotionale Komponente - die Scheidung meiner Eltern hat mich fürs Leben geprägt. (Nicht nur negativ, muss ich dazu sagen.) Aber es gibt auch eine sehr rationale Komponente: Gut die Hälfte aller Ehen in unserem Land gehen den Bach runter. Wenn meine Tochter bei einer Prüfung 50 Prozent verhaut, kriegt sie dafür die Note 3. Prädikat: Ungenügend! Und so etwas, sagen Sie, sei die ideale Beziehungsform, die es um jeden Preis zu schützen gilt? Würde man «jeden Blödsinn zur Normalität erheben», werde die Ehe abgewertet. Diese diene im Übrigen - Ihre Worte - «der Fortpflanzung und der Kindererziehung.» Wie passen denn da Ihrer Meinung nach kinderlose Ehepaare rein? Die leben zwar die ideale Beziehungsform, erfüllen aber deren Zweck nicht. Müsste man dann nicht allen, die keine Kinder wollen, das Heiraten verbieten? Oder jede Ehe, die nach drei Jahren - ok, sagen wir fünf - noch kinderlos ist, annullieren? 

Glauben Sie mir, der Vater meiner Kinder und ich setzen auch ohne Trauschein alles daran, dass unser Nachwuchs «recht herauskommt», wie Sie sagen. Was immer das auch heisst. Hauptsache, die Tochter wird nicht lesbisch und der Sohn schleppt keine Wurst an. Sie wissen schon. Im Übrigen kenne ich Kinder von lesbischen Paaren, die sehr gut «herausgekommen» sind. Womit wir beim Thema wären. Es gibt nämlich einen grossen Unterschied zwischen mir und einem homosexuellen Menschen, was die Ehe betrifft: Ich habe mich dagegen entschieden und verzichte bewusst auf ihre Rechte und Pflichten. Homosexuelle entscheiden nicht einfach so, «ach, ich glaube, ich bin mal schwul, und verzichte auf alle Rechte und Pflichten einer Ehe.» Und wenn ich alle sage, meine ich damit vor allem das Recht auf Kinder. Warum sollen homosexuelle Paare keine Kinder haben dürfen, egal, ob durch Adoption oder Fortpflanzungsmedizin? Weil es nicht «natürlich» ist? Das sind Adoption und Reproduktionsmedizin auch bei heterosexuellen, verheirateten Paaren nicht. Übrigens lag die «Scheidungsrate» bei Schwulen und Lesben vor zwei Jahren bei gut zehn Prozent - also einiges niedriger als bei «Normalo-Ehen». Ein Paar, das nicht auf natürlichem Weg Kinder bekommen kann - sei es nun homo- oder heterosexuell - hat so oder so eine Odyssee vor sich, um sich seinen Kinderwunsch zu erfüllen. Homosexuelle werden nicht «aus Versehen» schwanger. Ihre Kinder können sich immer sicher sein, dass sie gewollt sind - mehr als alles andere! Ja, sie werden vermutlich in der Schule gehänselt werden, weil sie zwei Mamis oder zwei Papis haben. Oder zumindest schräg angeschaut. Kinder in dem Alter sind gnadenlos - und sie finden immer etwas. Macht es einen Unterschied, ob die Sprüche nun wegen ihrer Brille, ihrer Zahnspange oder eben ihrer familiären Situation fallen? Kaum. Ja, Kinder brauchen männliche und weibliche Bezugspersonen. Ob das nun die Eltern, Grosseltern, Gotti, Götti oder wer auch immer sind, ist schlussendlich egal. Und ja, Kinder brauchen ein stabiles Umfeld, das ihnen Sicherheit und Liebe bietet. Dabei ist ihnen aber völlig Wurst (!), wer und wie ihre Eltern sind, in welcher Konstellation sie leben, ob sie verheiratet sind oder nicht, mit wem sie ins Bett gehen oder nicht, ob sie auf Männer stehen oder auf Frauen oder auf beides. 

Mir geht es in diesem Blog nicht darum, «jeden Blödsinn zur Normalität zu erheben», Herr Bortoluzzi. Auch ich finde, polygame Ehen müssen in unseren Breitengraden nicht unbedingt sein (auch wenn ich nicht sicher bin, ob Männer, die sieben Kinder aus fünf Ehen haben soooo viel besser sind…). Und nein, ich bin nicht dafür, dass man seine Katze oder sein Telefon heiraten darf, auch wenn man schon lange zusammenlebt (wobei ich Leute kenne, die ihre Katze besser behandeln als den Ehepartner, und mehr Zeit mit dem Handy als mit dem Partner verbringen - wir ja eigentlich alle, wenn wir ehrlich sind.) Was ich sagen will, ist Folgendes: Die Ehe, so wie sie heute ist, ist längst nicht mehr die Norm. Und Familie findet längst nicht mehr ausschliesslich in der Ehe statt. Wirklich geschützt und rechtlich abgesichert werden müssen vor allem die Kinder. Egal, in welcher Konstellation sie aufwachsen. Und deshalb braucht es eine Reform des Familienrechts. Wie auch immer diese aussehen mag.

Herzlich, Ihre Sandra C.

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