Der ganz normale wahnsinn

Der ganz normale Wahnsinn

Kids und Job unter einen Hut bringen? Easy! Oder doch nicht?

Die sommerliche Überforderung

Für Sandra C. hat die Zeit im Jahr begonnen, vor der sie sich jeweils schon Monate im Voraus fürchtet: Das Ende des Schuljahres. In den Wochen vor den Sommerferien zweifelt die Familienbloggerin mehr oder weniger täglich an ihren Qualitäten als Mutter. 
Frau Überforderung Stress Kindererziehung
© Getty Images

Es ist zum Haare raufen! So kurz vor den Sommerferien muss Familienbloggerin Sandra C. an so viele Sachen denken.

Ihr solltet mal meinen Terminkalender sehen im Moment. Normalerweise stehen da meine geschäftlichen Termine drin, Geburtstagspartys der Schulfreunde meiner Kinder, vielleicht mal ein ausserplanmässiges Fussballtraining oder eine verschobene Klavierstunde. In den Wochen vor den Sommerferien platzt das Ding aus allen Nähten: Elterngespräche, Schulfest, Projektwoche, Ausflüge, zusätzliche Fussballtrainings fürs Grümpelturnier, zusätzliche Tanzstunden vor der Aufführung, undsoweiter. Training wird verschoben, also durchstreichen und neu einschreiben. Religionsunterricht findet in der einen Woche nicht wie gewohnt über Mittag statt, sondern erst danach, in der anderen Woche dafür wieder früher. Und am Donnerstag muss das eine Kind früher in der Schule sein wegen eines Ausflugs, oder aber man bringt es direkt zum Bahnhof, holt es dort wieder ab, oder erst später in der Schule. Die beiden bringen momentan fast täglich Infoschreiben von der Schule nach Hause oder es kommt ein Mail von irgendeiner Lehrperson oder einem Trainer oder von Eltern von Schulfreunden, die Daten und Zeiten verschieben, Sachen absagen oder einfach an irgendetwas erinnern. Die wahre Kunst ist dann, Wichtiges von Unwichtigem zu unterscheiden: Für die letzten zwei Klavierstunden vor den Ferien gibts eine Ersatzlehrerin - unwichtig. Die nächste Klavierstunde fällt aus - wichtig. 

Ganz zu schweigen von all den Dingen, die man den Kindern täglich mitgeben muss - oder müsste. Taschen um die gesammelten Kunstwerke heimzubringen, Geld für Fussballtrikots oder Abschiedsgeschenke für die Lehrer, ausgefüllte Formulare und Kopien von Stundenplänen, um Musik-, Sport- oder Psychomotorik-Stunden im neuen Schuljahr zu organisieren. Dazu kommt, dass immer wieder mal ein Kind für noch grössere Verwirrung sorgt (ich hätte kaum gedacht, dass das noch möglich ist): «Heute ist um halb vier Fussballtraining.» - «Ich hab auf dem Kalender halb fünf notiert.» - «Nein, es ist halb vier.» Ich ruf den Trainer an, der sagt: «Ich dachte, es wäre um Vier.» Ja, super. Oder so was: «Um drei Uhr treffen wir uns bei Fiona, um die T-Shirts fürs Grümpelturnier zu bemalen.» - «Du hast bis halb Vier Schule.» - «Dann geh ich halt nicht in die Schule.» Anruf bei Fionas Mutter, die erklärt, sie habe ein Mail geschickt, das Gemale finde einfach direkt im Anschluss an die Schule statt. Das Mail hab ich natürlich übersehen oder gelöscht. Überhaupt rufe ich in letzter Zeit verdächtig oft bei Schulfreunden-Müttern an, um mich zu erkundigen, wann genau mein Nachwuchs nun wo sein muss und was er mitnehmen soll. Dabei achte ich darauf, dass ich keine mehr als zwei Mal anrufe, damit niemand mich für heillos überfordert hält. (Womit man selbstverständlich recht hätte, aber das geht niemanden etwas an!). Warum muss eigentlich immer alles in diese paar Wochen reingedrückt werden? Ja, ich gebe zu, ein Grümpelturnier im Februar macht wenig Sinn und ein Abschiedsgeschenk für die scheidende Lehrerin ein halbes Jahr bevor sie geht vielleicht auch. Aber hey, sie hätte sich sicher auch dann gefreut. 

Irgendwie ist es bei all dem Durcheinander wenig verwunderlich, dass ich zur falschen Zeit zum Elterngespräch erschienen bin, oder? An dieser Stelle nochmals vielen Dank an die Eltern, die nach mir dran waren, und mir die Hälfte ihrer Zeit abgetreten haben. Und auch meine Kids haben schon spitzgekriegt, dass auf mein Timing momentan nicht wirklich Verlass ist. So muss ich meinen Sohn jeweils zum Fussballtraining begleiten, um sicher zu gehen, dass er nicht zur falschen Zeit oder am falschen Ort - oder beides - aufgekreuzt ist. Ausserdem hab ich das Gefühl, ich verbringe momentan mehr Zeit im Sportgeschäft als zu Hause, da sie ständig wieder irgendwas brauchen: Fussballschuhe, Tanzschuhe (wie können Kinderfüsse innerhalb von zwei Wochen eine Nummer wachsen?), Socken, Schoner, Fussbälle (wie schafft es ein knapp Achtjähriger, einen Fussball so lange aufzupumpen, bis er platzt???). Nett wie ich bin, pilgere ich also regelmässig mit einem Kind zu Intersport, Dosenbach, Ochsner oder wie sie sonst noch heissen. 

Diese Läden stehen denn auch ganz oben auf der Liste der Orte, an denen man mich in den Ferien niemals sehen wird. Dicht gefolgt von Fussballplatz, Turnhalle und alles im Umkreis von fünf Kilometern vom Schulhaus. Und in meinem Terminkalender steht dann bis Mitte August: Gar nichts! 

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