Der ganz normale wahnsinn

Der ganz normale Wahnsinn

Kids und Job unter einen Hut bringen? Easy! Oder doch nicht?

Oberschenkellücke vs. Nutellabrot

Sie heissen «Thigh Gap» oder «Bikini Bridge», verbreiten sich rasend schnell übers Internet und sorgen vor allem für eines: Magerwahn bei jungen Mädchen. Als Mutter einer vorpubertären Tochter wird Familienbloggerin Sandra C. bereits jetzt fast täglich damit konfrontiert, wie schwierig es ist, ihren Kindern ein gesundes Bewusstsein für ihren Körper zu vermitteln.
Oberschenkellücke Trend Tumblr
© via Tumblr.com

Die Oberschenkellücke ist ein gefährlicher Trend unter Teenagern. Bloggerin Sandra C. unternimmt alles, dass sich ihre Tochter nicht davon beeindrucken lässt. 

Anfang Jahr lösten die User einer Internet-Plattform einen neuen Mager-Trend aus: Mit der Verbreitung der «Bikini Bridge» wollten sie beweisen, wie leicht sich junge Mädchen für so etwas begeistern lassen. Sie hatten Recht: Innert wenigen Tagen stellten Tausende Girls Bilder von ihren «Bikini Brücken» ins Netz - von ihren Hüftknochen, die so hervorstehen, dass ihr Bikinihöschen den Bauch nicht berührt, sondern eine Brücke bildet. Das zweite Phänomen, die «Thigh Gap» gibt es schon länger: Die Mädels sind stolz auf ihre Beine, die so dürr sind, dass sich die Oberschenkel nicht berühren, wenn sie mit geschlossenen Füssen geradestehen. Die berühmteste Oberschenkellücke, diejenige von Model Cara Delevingne, hat gar einen eigenen Twitter-Account mit fast 3500 Followern. Jeden Tag tauschen sich Teenager darüber aus, wie man so mager werden kann, um diese Schönheitsideale zu erfüllen. Die Lösung ist relativ einfach: Sich auf einen ungesunden Bodymass-Index runterhungern. 

Meine Neunjährige hat weder eine «Bikini Bridge» noch eine «Thigh Gap» (Im Gegensatz zu mir. Ich habe kürzlich mit Schrecken festgestellt, dass ich tatsächlich Besitzerin einer solchen Oberschenkellücke bin. Da ich aber in keiner Weise untergewichtig bin, muss es sich bei mir schlicht und einfach um krumme Beine handeln.) Das Umfeld meiner Tochter ist Gott sei Dank (noch?) nicht dem Magerwahn verfallen. Aber sie und ihre Freundinnen spielen regelmässig «Germany's Next Topmodel» (einige von ihnen laufen hüftschwingend über einen imaginären Laufsteg und andere geben ihre Bewertung dafür ab), und nicht wenige dieser Drittklässlerinnen sagen, sie möchten später einmal Model werden. Auch meine Tochter kam kürzlich mit diesem Berufswunsch an. Auf meine Frage, warum, meinte sie, weil man jeden Tag schöne Kleider anziehen könne und einen dann alle lässig finden. Meine Bemerkung, sie könne auch so jeden Tag schöne Kleider anziehen und es müssen einen nicht immer alle lässig finden, liess sie nicht gelten. Also fuhr ich schwerere Geschütze auf, und sagte ihr, als Model müsse sie sehr, sehr dünn sein, und das ginge nur, wenn sie sich hauptsächlich von dem von ihr ungeliebten Gemüse ernähre. Pommes und Kuchen gäbe es höchstens an ihrem Geburtstag. Das wirkte. Sie beschloss, das seien doch etwas gar viele Opfer, die sie für eine Modelkarriere bringen müsste. Versteht mich nicht falsch - ich habe nichts gegen Models. Ich finde einfach, sie taugen nicht als Vorbild für normale Frauen, noch weniger für Teenager und schon gar nicht für Mädchen im Primarschulalter. Denn auch wenn Hollywood und diverse Modemagazine uns das weismachen wollen: 90-60-90 ist nicht normal. Und nicht gesund.

Aber eben: Mehr oder weniger alles, was auf der Liste der Lieblingsspeisen meiner Tochter steht, ist auch nicht gesund. Wenn ich sie liesse, würde sie sich ausschliesslich von Salami, Pommes Frites und Süssigkeiten ernähren. Es ist unendlich mühsam, sie jeden Tag zu zwingen, Gemüse und Salat zu essen. Es ist unendlich mühsam, Dutzende Male pro Tag Nein zu sagen, wenn sie ein zweites Dessert will oder ein Nutellabrot zum Zvieri - und sie fragt immer, auch wenn sie die Antwort kennt, in der Hoffnung, eine meiner schwachen Minuten zu erwischen. Und es ist unendlich mühsam, immer gefragt zu werden «Warum nicht?» - «Weil das Zeug dick macht!», platzte ich kürzlich genervt heraus. «Ja und? Ich bin ja schon dick!» Sie sagte das relativ emotionslos. Ich wusste nicht, was mich mehr schockte - die Tatsache, dass sich meine neun Jahre alte Tochter für dick hält, oder die, dass es ihr, wenn sie es tatsächlich wäre, offenbar total egal wäre. Scheisse! Wie um alles in der Welt erkläre ich meiner Tochter, dass ich Schlanksein um jeden Preis nicht für erstrebenswert halte, aber das Gegenteil eben auch nicht? Ich habe immer gedacht, wenn ich meinen Kindern ein einigermassen normales Verhältnis zum Essen und zu meinem Körper vorlebe - und ich glaube, das tue ich - dann kommt das schon gut. Aber bei meiner Tochter funktioniert das irgendwie nicht. Bevor sie anfängt zu essen, stochert sie in ihrem Teller herum, um sicherzugehen, dass sich keines der Lebensmittel, das sie per Definition nicht essen muss (Käse, Zwiebeln, Zucchetti, Pilze und Auberginen) in ihrer Reichweite befindet. Aber wenn die Aussicht besteht, dass sie dafür auch nur ein winziges Stück Schokolade bekommt, würde sie vermutlich eine rohe Zwiebel runterwürgen. 

Ich will nicht, dass meine Tochter mir in fünf Jahren vorwirft, ich sei schuld daran, dass sie nicht so schlank sei wie ihre Freundinnen, denn ich hätte besser auf ihre Ernährung schauen müssen. Und ich will auch nicht, dass sie in fünf Jahren Fotos von ihrer «Thigh Gap» ins Internet stellt. Ich versuche mein Bestes, dass beides nicht passiert. Und hoffe, das reicht.

Weitere Blogs von Sandra C. finden Sie im SI-online-Dossier.