Der ganz normale wahnsinn

Der ganz normale Wahnsinn

Kids und Job unter einen Hut bringen? Easy! Oder doch nicht?

Haarspalterei ist männlich!

Familienbloggerin Sandra C. hats ja schon immer geahnt: Männer sind um einiges eitler als Frauen. Dass dies aber bereits im zarten Alter von knapp sieben Jahren anfängt, zehrt manchmal ganz schön an ihren Nerven.
Blog Der ganz normale Wahnsinn: Sandra C. ueber Frisuren ihres Sohnes
© Getty Images

Männer machen sich schon von klein auf sehr viele Gedanken darüber, ob ihre Frisur nun auch wirklich sitzt.

Ich kenne das schon seit einer Weile. Das Kind - und das ist notabene männlich - steht schon länger vor dem Spiegel, dreht sich, seufzt theatralisch, verzieht das Gesicht und sagt dann: «Mit der Kindergartentasche seh ich scheisse aus!» oder «Die Jacke sieht scheisse aus!» oder «Niemand trägt diesen Leuchtbändel, der sieht scheisse aus!». Solche Sätze seufzt er meist ergeben, rümpft die Nase und stapft davon. Das sind die Situationen, in denen es reicht, dass er seinem Ärger Luft gemacht hat. Gefährlich ist indes das einfache «Ich seh scheeeeeeeisse aus!». Denn wenn er das sagt - das heisst, er sagt das nicht, er brüllt es - gehts um seine Haare. Und da versteht mein Sohn gar keinen Spass.

Mal ganz ehrlich: Was habt ihr Typen nur immer mit euren Haaren? Ich kenne keine einzige Frau, die so besessen ist von ihrer Frisur wie gewisse Männer. Ich meine - was könnt ihr schon falsch machen, wenn ihr einen einigermassen anständigen Schnitt habt? Was macht ihr zwanzig Minuten lang vor diesem Spiegel? Gut, so langsam aber sicher komme ich zu einem Schluss, der euch tatsächlich entschuldigt: Es liegt einfach in euren Genen. Als vor den Sommerferien der Schulfotograf im Kindergarten anrückte, standen bestimmt die Hälfte der Jungs mit einem knappen Kilo Gel im Haar vor seiner Kamera. Und ich kann mir nicht vorstellen, dass ihre Mütter ihnen im Morgenstress noch nahelegten, sich doch bitte klebriges Zeug auf den Kopf zu schmieren, das man ihnen abends unter grösstem Protest wieder rauswaschen muss. 

Frisurentechnisch haben wir auch schon einiges durch. Von fast schulterlang bis ganz kurz. Da er meine Locken geerbt hat, ist zwischendrin nicht so viel möglich. Vorletztes Jahr wollte er sich in den Ferien unbedingt den «Shaqiri» verpassen lassen. Gegen die rasierten Seitenpartien habe ich mein Veto eingelegt. Und der Rest bedeutete jeden Morgen eine Tortur für meine Ohren - denn ohne die rasierten Seiten liessen sich die Haare natürlich nicht genau so aufstellen, wie er sich das vorstellte. Vergangenes Jahr in den Ferien kam es noch dicker: Er lernte einen Jungen kennen, der sich an beiden Kopfseiten einen Puma einrasiert hatte. (Ich vermute, sein Vater arbeitet für den Sportartikel-Hersteller und sein Sohn ist sein bester Werbeträger. Anders kann ich mir so was nicht erklären…) Mein Junior hatte danach wochenlang die abstrusesten Ideen, was er sich auf den Kopf rasieren will: Spongebob Schwammkopf? Veto. Einen Transformer? Veto. Einen Bugatti Veyron? Fast hätte er mich gehabt. Veto. «I love Mama» wollte er nicht… also beliessen wirs beim Status Quo. 

Momentan trägt er die Haare wieder etwas länger. Das Theater ist das Gleiche. Vergangenen Montag hatte er seinen ersten Schultag. Nach fast einer halben Stunde vor dem Spiegel schwante mir Übles. Und tatsächlich, zehn Minuten bevor wir los mussten, kam der Urschrei aus dem Bad: «Ich seh scheeeeeeeisse aus!» Ich stellte ihm eine Dose Haarwachs hin - mit der Bemerkung, ich würde ihm am Abend eigenhändig den Kopf rasieren - und zwar ganz - wenn er nicht in fünf Minuten parat steht. Das hat gewirkt. Denn was auch immer frisurentechnisch gerade in ist - kein Erstklässler will aussehen wie Kojak. 

Mit meiner Tochter hatte ich im Übrigen in gut neun Jahren eine einzige «haarige» Diskussion - als sie sich blonde Strähnen ins blonde Haar färben lassen wollte! Ansonsten bin ich froh, wenn sie sich morgens überhaupt kämmt. 

PS: Ich hätte nie gedacht, dass ich einen ganzen Blog über Haare schreiben kann. Und bevor mir irgendwelche Moralapostel damit kommen: Ja, ich weiss ziemlich gut, dass es sehr viel Wichtigeres gibt im Leben. Der Sohn einer Freundin wird seinen siebten Geburtstag ohne Haare feiern. Sicher fände er es schön, wenn er wieder welche hätte. Aber noch viel schöner fänden er und seine Familie es, wenn der Krebs und das Gift endlich aus seinem Körper verschwinden würden. Happy Birthday, Krieger! Gib nicht auf. Und weisst du was? Haare werden im Allgemeinen überbewertet! 

Weitere «Der ganz normale Wahnsinn»-Blogs finden Sie im SI-online-Dossier.